Schloss Marienburg Marathon 2018 (Jan Schlusnus)

Leben ist, was uns zustösst, während wir uns etwas ganz anderes vorgenommen haben. Dieses geflügelte Zitat von Henry Miller umschreibt doch ganz gut, was mit langfristig gesetzten Plänen und Strukturen üblicherweise passiert. Schon vor einigen Monaten war für mich die Entscheidung gefallen, dass ich mich in meinen jungen Jahren noch etwas auf meine Bestzeiten auf der Kurzstrecke konzentrieren möchte und ich mich hierfür aus dem Laufen auf der Langstrecke vorerst zurückziehe. Der Berlin-Marathon 2018 sollte mein letzter Marathon sein. Und obwohl der Plan lange fest stand, kam es anders… nach dem Berlin-Marathon übernahmen Arbeit und Erkältungen das Ruder und das bisher so erfolgreiche, schöne Laufjahr schien kein schönes Ende nehmen zu wollen. Ein paar Wochen vor dem Zehn-Kilometer-Lauf in Oldenburg – der lang ersehnte erste Versuch meine Bestzeit zu knacken – schüttelte mich eine hartnäckige Erkältung und die Bestzeit  schien mir in unerreichbarer Ferne. Um die Saison nicht mit einer Enttäuschung abzuschließen und um noch einmal an einem schönen Schlusnus-Langstreckenlauf teilzunehmen, meldeten Papa und ich uns zum Schloss Marienburg Marathon 2018 an.

Zwischen der Anmeldung zum Lauf und der Veranstaltung selbst blieb meine Zeit zum Trainieren leider weiter rar. Und ehe ich mich versah, war das Marathon-Wochenende auch schon da. Große Vorfreude mischte sich mit einer gewissen Dosis Skepsis: bin ich noch oder schon wieder fit genug?

Sonnabend, 24. November 2018 – Schulenburg

Unseren Ausflug in das Umland von Hannover nutzen wir für einen Besuch bei Freunden von Papa. Jürgen und Elke sind so lieb uns zwei Zimmer für die Übernachtung zur Verfügung zu stellen, sodass wir bequem am Freitag anreisen können und eine wirklich schöne Zeit vor dem Wettkampf genießen dürfen. Die Bezeichnung Wettkampf scheint im Zusammenhang nicht ganz angemessen, denn die Stimmung am Vorabend und beim Frühstück ist so entspannt und gelassen, dass man eher vom bevorstehenden gemütlichen Dauerlauf sprechen muss.

Und obwohl es nur eine außerhäusige Nacht ist, schleppen sowohl Papa als auch ich jeweils zwei große Taschen mit uns herum. Es ist schon erstaunlich, wie viel Gepäck man so durch das Leben schleppen muss. Aber hey, die Laufausrüstung wächst mit den Anforderungen und so ein Marathon – und sei es ein noch so gemütlicher Landschafts-Marathon – ist schon fordernd. Die privaten Anforderungen darf man natürlich auch nicht vergessen: die ActionCam ist wieder mit von der Partie und vom Lauf ist ein schönes kleines Video entstanden.

Im beschaulichen kleinen Adensen werden wir schnell und einfach von kleinen Hinweisschildern zum Parkplatz gelotst und dort von Helfern des Veranstalters eingewiesen. Rund um die Sporthalle treiben sich für so ein kleines Örtchen riesige Heerscharen von Läufern umher, aber alles ist toll organisiert und Probleme tauchen erst gar nicht auf. Ganz unkompliziert gelangen wir an unsere Startunterlagen, machen uns für den Lauf bereit (frieren bei 1,5°C ein bisschen) und genießen dann die Atmosphäre vor dem Start.

Im Startgewusel treffen die unterschiedlichsten Gestalten aufeinander. Ein paar Teilnehmer sind aber besonders darauf bedacht, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Zum Einen ist da eine junge Frau im Jumpsuit mit verschiedenen Schnäpsen am Gürtel; die möchte von der ihr zugetragenen Aufmerksamkeit aber nichts wissen. „Nehmen, trinken, weitergehen!“, keift sie mich an. Da spricht recht vieles für einen Junggesellinnen-Abschied. Etwas aufgeschlossener zeigen sich der König und der Frosch. Das sind nämlich die Crazyrunner Stulle und der Wurm wie Papa sie nennt. Papa ist so vertieft ins Gespräch, dass er den Countdown zum Start fast verpasst.

Peng und es geht los. 42,195 Kilometer liegen vor uns, aber so richtig bewusst wird uns das erst bei den ersten Schritten. Im dichten Gedränge traben wir gemütlich aus dem Ort raus und in den dichten Nebel rein. Bis Kilometer zwei laufen wir in der kuscheligen Menge zu dritt, zu viert oder sogar zu fünft nebeneinander. Dann wird die asphaltierte Straße zum Feldweg und man läuft noch zu zweit nebeneinander. Spätestens aber ab Kilometer drei geht es im Gänsemarsch weiter, denn hier geht es über Stock und über Stein quer durch den Wald. Die Stimmung ist super und wird mitten im Wald von lautstarker Musik weiter angeheizt.

Die Strecke hat auf den ersten fünf Kilometern viel zu bieten: asphaltierte Straßen durch das Dorf, Feldwege, Singletrails durch den Wald, Schotter- und Sandpisten, kleine Hindernisse durch Wurzeln und umgestürzte Bäume, leichte und auch stärkere Gefälle sind dabei; einmal hat man sogar die Wahl, ob man einen flachen Umweg oder den steilen Direktweg laufen möchte (ich habe niemanden den flachen Umweg laufen sehen)… nur eins fehlt: Steigungen. Ich bin schon in Sorge, dass ich nicht auf meine Kosten komme, als ich nach einer scharfen Kurve meinem Vordermann fast auflaufe. Und dann ist es endlich soweit: es geht bergauf. Nur eben leider nicht laufend, sondern im Gänsemarsch die Serpentinen rauf. Aber das macht nichts. Die Landschaft ist toll und auch so kommt der Kreislauf ordentlich in Schwung. Nach der letzten Kurve läuft man auf eine kleine Lichtung und erblickt es zum ersten Mal: das Schloss Marienburg.

Wer zum Filmen oder Fotografieren stehen bleibt, der verliert den Anschluss. Wer den Anschluss an einer Stelle verloren hat, an der Überholen nicht möglich ist, der muss Geduld haben. Ich kann mir einen kleinen Schwenk über die sich durch die Serpentinen windende Menschenschlange nicht verkneifen und so verliere ich den Anschluss zu Papa. Aber das ist nicht schlimm. Solange die Strecke einspurig ist, klinke ich mich bei einer anderen Laufgruppe ein und unterhalte mich nett über dieses und jenes. Dann ergreife ich meine Chance und düse das letzte Stück zum Schloss rauf und in den Schlosshof hinein.

Das Schloss und die besondere Atmosphäre beeindrucken mich tief. Das hat wirklich nicht jeder Lauf zu bieten. Im Schlosshof hole ich Papa ein, der gerade am Verpflegungspunkt angekommen ist und sich einen Tee nimmt. Ich trinke auch einen Schluck und kann mich vom bezaubernden Anblick kaum lossagen. Aber gemeinsam geht es weiter und auch das Waldstück hinter dem Schloss lohnt sich! Der dichte Nebel verleiht dem herbstlich-winterlichen Wald einen malerischen Anblick. Und mittlerweile kann man sehr befreit und voller Enthusiasmus laufen. Wir laufen munter vor uns hin, kommen ans nächste größere Gefälle und ich nehme Fahrt auf. In der Ferne höre ich wieder die Musikstation. Während ich so gedankenverloren und beschwingt den Hügel runter knatter, fliegt am Wegesrand plötzlich ein Schild an mir vorbei: „Kontrolle 100m“ Nanu? Kontrolle? Polizei, Radar? Mitten im Wald? Meine Irritation kann noch gar keinen rationalen Weg einschlagen, da springt vor mir auch schon ein Mann mit erhobener Hand in den Weg. Ich bremse ab, er sticht mit etwas nach mir und… ach. Jetzt verstehe ich: der will mir gar nichts böses. Die Kontrolle stellt nur sicher, dass niemand im Wald abkürzt. Gut geübte Helfer markieren die Startnummern der korrekt passierenden Läufer mit einem Edding. Sofort nach der Platzierung des Strichs springt der Helfer beiseite und gibt den Weg frei. Aber ich habe es gar nicht mehr eilig. Ich drehe mich um und schaue, wie Papa in die Kontrolle läuft. Papa scheint die Straßensperre schnell richtig interpretiert zu haben, denn er kommt gar nicht aus der Ruhe. Kurz stoppen, still halten und dann zackig weiterlaufen. Das ist Erfahrung und Routine.

Sehr bald kommen wir zurück auf den Feldweg, der uns aus dem Dorf und in den Wald geführt hat. Nun laufen wir ihn zurück ins Dorf. Im Start-Ziel-Bereich gibt es einen Verpflegungspunkt und dann treten wir die zweite Schlaufe der 8-förmigen Runde an. Diese zweite Schlaufe führt im Wesentlichen durch weite Felder und forstwirtschaftliche Flächen. Einen gewissen Charme strahlt auch dieser Teil der Strecke aus, aber er kann nicht mit der ersten halben Runde mithalten.

Als wir den bis dahin dritten sehr gut ausgerüsteten Verpflegungspunkt innerhalb von 16 Kilometern erreichen, dämmert uns: den Trinkrucksack hätten wir uns sparen können. Hier bekommt man alles, was das Läuferherz höher schlagen lässt: stilles Wasser, warmen Tee, Iso, Cola, frisches Obst und… Lebkuchen! Ich kann es mir nicht verkneifen und schnappe mir für das nächste Wegstück einen Lebkuchen. Papa schmunzelt über meine Experimentierfreude. Doch ich muss sagen: Lebkuchen passen hervorragend zum Laufen.

Einmal geht es noch einen etwas gerölllastigen Weg hinab, dann empfängt uns eine geteerte Straße und führt uns zurück ins Dorf. Halbzeit. Die zweite Hälfte wollten wir etwas ambitionierter angehen. Da sich das Teilnehmerfeld nun gut verteilt hat und man eher gleichschnelle Läufer um sich hat, spricht auch nichts dagegen. Als wir gerade das kleine Waldstück erreichen, staunen wir über den herführenden Hügel. Der war uns in der ersten Runde gar nicht aufgefallen.

Immer wieder denken Papa und ich während des Laufs an Max. Dem würde dieser Lauf ganz sicher sehr gut gefallen und wir beschließen, dass Max 2019 auf jeden Fall teilnehmen muss. Wer jetzt denkt, der arme Max, der verpasst einen tollen Lauf, der irrt: der Max genießt Ende November 25°C und Sonnenschein auf Gran Canaria.

Nach 36 Kilometern will ich gerade ein kleines Gefühlsresümee in die Kamera sprechen, da erklingt das Abschalt-Geräusch des Geräts. Mist. Akku leer. Eigentlich nicht weiter schlimm, aber irgendwie ärgert es mich. Nach zwei Kilometern beschließen wir, dass ich die letzten Kilometer vor laufe, ich den Akku beim Parkplatz wechsle, wir uns beim Parkplatz treffen und die letzten Meter zusammen ins Ziel laufen. Von einem Endspurt kann man nicht unbedingt sprechen, aber ich erhöhe das Tempo der letzten vier Kilometer auf durchschnittlich fünf Minuten pro Kilometer. Beim Parkplatz erhöhe ich das Tempo noch einmal. Den Schlüssel habe ich während des letzten Kilometers aus der Tasche gefriemelt und mich der Handschuhe entledigt. Schnell zum Auto, aufschließen, Kofferraum öffnen, Tasche auskippen, Handschuhe in den Innenraum pfeffern, die winzige Akkuklappe öffnen, die noch winzigeren Akkus tauschen, die Heckklappe schließen, das Auto verriegeln und weiter geht’s. An der Zufahrt zum Parkplatz wartet Papa schon wie auf heißen Kohlen. Im Wald hat er noch einen Läufer überholt und will den auf keinen Fall wieder an sich vorbei lassen. Gemeinsam laufen wir ins Ziel und werden dort zwar nur von einer kleinen Zuschauergruppe, dafür aber mit tosendem Applaus empfangen.

Die Veranstaltung ist wirklich toll und jeder Läufer, der es ein bisschen hügelig mag, die Natur liebt und mit Kälte keine Probleme hat, der sollte auf jeden Fall mal den Schloss Marienburg Marathon laufen. Der Veranstalter hat hier eine tolle Veranstaltung auf die Beine gestellt und ermöglicht durch gute Organisation und viele engagierte, fröhliche und fleißige Helfer einen wirklich tollen Lauftag Ende November. Meinem Laufjahr konnte ich damit einen wunderbaren Abschluss verleihen… wobei ich gestehen muss, dass die befürchtete Enttäuschung in Oldenburg ausgeblieben ist. Meine Bestzeit konnte ich im Oktober trotz aller Probleme auf 38:50 Minuten verbessern.

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