14. swb-Marathon Bremen (Max Schlusnus)

Nix geht, alles läuft. Das ist das Motto des Bremer Marathons. Dieses Motto haben Papa und ich uns zu Herzen genommen und uns für den Marathon angemeldet.

Nachdem es beim Hannover Marathon im April zu Rekordtemperaturen kam und uns das sehr zu schaffen machte, hat Papa sehr bald danach entschieden, dass er in Bremen noch einmal einen schnellen Marathon laufen wolle. Ich habe auch direkt gesagt, dass ich mitlaufe, aber ich war mir mit der Zielsetzung noch etwas unsicher. Laufe ich auch nochmal einen schnellen Marathon (in Hannover bin ich meine persönliche Bestzeit von 3:32:10 Std gelaufen), laufe ich entspannt oder laufe ich mit Papa mit?

Nach längerem Überlegen entschied ich mich schnell zu laufen! Doch welche Zeit peile ich an? Ich dachte mir so: „Ach, komm‘ Max, wenn du schneller werden willst, musst du deine Ziele auch dementsprechend formulieren!“ Ich entschied mich, auf eine 3:20:00 Std zu trainieren.

Wir wählten einen Trainingsplan aus dem Marathon-Countdown von Peter Greif. Dieser Plan umfasst acht Wochen Intensivvorbereitung. Das bedeutet natürlich auch, dass die 35-km-Runde zu Beginn des Plans keine Schwierigkeiten darstellen darf. Die große Runde war für uns auch kein Problem, denn wir haben im Juli ein Trainingslager im Harz absolviert. Da gab es lange Läufe mit vielen Höhenmetern. Außerdem sind wir zwischendurch immer mal wieder 35 km und mehr gelaufen. Von Papas Trainingsplan für die 100 km von Biel fange ich gar nicht erst an.

Der Vorbereitungsplan sah fünf Trainingseinheiten pro Woche vor. Für mich war das schon sehr ambitioniert. Zum einen ist es natürlich eine Belastung für den Körper, zum anderen ist es auch zeittechnisch manchmal schwer gewesen. Aber hilft ja nichts, dann startet man halt manchmal erst um 19 Uhr zu einem 20-km-Lauf. Und eins ist klar: wenn Du mittwochs um 21 Uhr vom Laufen nach Hause kommst und auch noch hartes Intervalltraining absolviert hast, dann freust Du Dich noch mehr Deinen inneren Schweinehund besiegt zu haben.

Nach vier Wochen steht ein Halbmarathonwettkampf auf dem Plan. Wir wählten dafür den Lesmona-Lauf in Bremen-Nord. Der Halbmarathon dient zur Ermittlung des derzeitigen Leistungsstands. Wir liefen beide aus dem Marathontraining persönliche Bestzeiten. Papa brauchte für die 21,0975 km 1:40:51 Std, ich 1:29:52 Std. Daraufhin haben wir neue „mögliche“ Marathonzeiten berechnet. Für Papa kamen etwa 3:30:00 Std und für mich 3:10:00 Std heraus. Das war uns beiden dann aber doch zu schnell und wir korrigierten unsere Ziele nicht ganz so drastisch. Papa trainierte ab jetzt auf 3:39:00 Std und ich auf 3:15:00 Std. Der Sprung von 17 Minuten machte mir schon ein wenig Sorgen, aber was soll’s, ich war gut drauf und stand gut im Training.

Eine Woche nach dem Halbmarathon in Bremen Nord lief Jan den Berlin Marathon. Heike und ich fuhren nach Berlin um Jan zu unterstützen und das ganze Spektakel mitzuerleben. Mich hat die ganze Veranstaltung sehr motiviert. Es war schön live beim Weltrekordlauf von Eliud Kipchoge und dem Streckenrekord der Frauen dabei zu sein. Außerdem ist ja mein Bruder mitgelaufen. Nur für ihn sind wir nach Berlin gefahren – ein wirklich toller Tag!

Nachdem wir die restlichen Trainingswochen durchgezogen und das Tapering absolviert haben, kam der Tag des Marathons.

 

Sonntag, 07. Oktober 2018

Pünktlich um 06:00 Uhr stehe ich auf – und das ohne mich in irgendeiner Art und Weise hochzuquälen. Die Vorfreude auf den Marathon ist sehr deutlich zu spüren. Ich frühstücke ein paar Toast mit Marmelade und Honig und trinke den morgendlichen Kaffee. Meine Sachen habe ich schon am Vortag gepackt, das heißt ich habe alle Zeit der Welt, herrlich! Als ich dann alles erledigt habe, was so zu erledigen ist, bleibt mir noch immer etwas Zeit. Also gehe ich an den Rechner und schaue mir nochmal die Durchschnittsgeschwindigkeiten für verschiedene Endzeiten an. Ich bin voll motiviert und fühle mich sehr gut vorbereitet. Dann halte ich es nicht mehr zu Hause aus, laufe schnell ins Schlafzimmer, gebe der noch schlafenden Heike ein Küsschen (im Halbschlaf murmelt sie: „Viel Glück und vor allem Spaß! Wir sehen uns an der Strecke“ – „Oh ja, das wird was“, denke ich mir) und dann fahre ich nach Stuckenborstel um Papa einzusammeln.

Wir kommen ohne Probleme nach Bremen und stehen auf unserem Parkplatz auf der Bürgerweide, natürlich viel zu früh. Wie immer! Aber gut, so unterhalten wir uns noch und ruhen uns ein wenig im warmen Auto aus. Gegen 08:00 Uhr gehen wir los und beschließen noch die Keramikabteilung der SANIFAIR-Einrichtung im Bahnhof zu besuchen. Dann geht es weiter zum Startbereich. Hier ist schon ein ziemliches Gewusel, überall sind Läufer mit ihren typisch bunten Klamotten. Wir treffen auf Utz Bertschy, den Chef vom Schuhgeschäft unseres Vertrauens und Veranstalter des Marathons. Papa spricht ihn wieder fälschlicherweise mit Ulf an, was kurzzeitig zu Irritationen seinerseits führt. Wir schnacken kurz und dann ist es auch schon so weit. Wir laufen uns ein paar Meter ein und geben danach unsere Startbeutel ab. Auf geht’s in den Startbereich. Wir wünschen uns viel Erfolg und dann trennen wir uns. Ich gehe ein Stück weiter nach vorne zu dem Pacemaker für 3:15:00 Std. Dann kommt der Startschuss und das Feld setzt sich in Bewegung. „Nur nicht zu schnell loslaufen“, denke ich mir und kontrolliere penibel meine Uhr. Sehr bald sind die schnelleren Läufer weit vor mir und ich kann mich voll auf mein Tempo konzentrieren. Es wird eine Runde rund um den Startbereich gedreht, bevor es über die Weser in Richtung Werdersee geht.

Bei Kilometer fünf merke ich ein komisches Grummeln und Blubbern in meinem Bauch. Ich denke mir: „Scheiße, was ist das denn jetzt?“. Ich kann mein Tempo problemlos weiter laufen, doch das Gefühl bleibt und wird sogar noch schlimmer. Auch nach zehn Kilometern bleibt mein Bauch grummelig. Ich erwische mich bei dem Gedanken die nächste Dixi-Toilette aufzusuchen um der Sache ein Ende zu bereiten. Muss das nun wirklich sein? Legt sich der Mist wieder? Grübelnd, aber immer auf die Uhr achtend, laufe ich weiter und entscheide, wenn das nächste Dixi in Sicht ist und ich mich immer noch mit dieser Problematik herumschlage, einen Boxenstopp einzulegen. Dann müsste ich eben die Zeit wieder reinholen.

Kurz vor Kilometer 15 ist das Dixi dann zu sehen und es ist frei, was ein Glück. Ich laufe auf das Dixi zu und stolpere rein. Fast wäre ich mit dem ollen, kippelnden Ding umgekippt. Das wäre wirklich das Sahnehäubchen. Naja gut, weiter ausführen muss ich die Geschichte jetzt nicht. Statt 04:39 min/km habe ich nun 06:24 min/km für diesen Kilometer auf der Uhr. Was soll’s? Ich laufe mit einem wunderbar befreiten Bauchgefühl weiter.

Ab Kilometer 15 ziehe ich das Tempo etwas an, auf ca. 04:30 min/km. Das gehört alles zum Plan. Greif gibt Folgendes vor:

  • bis Kilometer 15 gut drei Sekunden langsamer als das angestrebte Wettkampftempo laufen
  • von 15 bis 25 km etwa vier Sekunden schneller als das angestrebte Wettkampftempo laufen
  • ab 25 km angestrebtes Wettkampftempo laufen

Ich fühle mich sehr gut und laufe das „neue“ Tempo ohne Probleme. Wollten Jan, Heike und Mama nicht etwa bei Kilometer 15 stehen und uns anfeuern? Ich finde sie nicht. Egal weiter geht’s.

Ich erreiche die Halbmarathonmarke in 01:37:40 Std. Damit bin ich sehr zufrieden und fühle mich noch immer pudelwohl. Um mein Tempo besser kontrollieren zu können, stoppe ich ab jetzt jeden Kilometer manuell. Meine Garmin ist heute leider nicht so genau, wie ich es gewohnt bin. Das muss an den vielen Häusern, Unterführungen, aber auch an den vielen GPS-Signalen liegen. Nicht weiter schlimm, dann laufe ich eben nach Gefühl von Kilometermarke zu Kilometermarke.

Etwa bei Kilometer 29 sehe ich Jan, Heike und Mama. Lachend berichte ich Jan, der einige 100 Meter vor den Mädels steht, von meiner ungeplanten Pause: „Jan, das glaubst du nicht! Ich war schon kacken!“ Daraufhin bricht auch er in Gelächter aus. Er läuft ein paar Meter mit mir mit, schaut kurz auf seine Uhr, klopft mir auf die Schulter und ruft mir noch Folgendes nach: „Max, du bist mega gut in der Zeit! Das sieht richtig gut aus! Wir sehen uns gleich an der Schlachte. Hammer!“ Das hat mich nochmal richtig motiviert. Laufende Glücksgefühle, Runnershigh, Gänsehaut pur.

Bei Kilometer 32 überhole ich die Truppe rund um den Pacemaker von 03:15:00 Std. Die scheinen mich doch glatt unterwegs überholt zu haben – möglicherweise als ich kurz nicht auf der Strecke war?

Ich laufe durch die Überseestadt und komme wieder an die Weser. Dann gelange ich zur Schlachte. Kilometer 35 liegt schon hinter mir. An der Schlachte ist immer viel los. Die Menschen feuern die Läufer an, das gibt richtig Kraft für die letzten Kilometer. Wo wir gerade bei „Kraft“ sind: ich fühle mich wunderbar. Ich habe noch richtig Kraft, von einem Tief ist keine Spur. Jan und die Mädels stehen an der Strecke und feuern mich an. Kurz danach nähere ich mich einem Läufer, der etwa mein Tempo läuft. Wir laufen zusammen und motivieren uns gegenseitig. Die Zuschauer peitschen uns nach vorne. Genau jetzt wird mir eins bewusst: es trifft gerade genau das ein, was Greif in seinem Buch zur Rennstrategie schreibt. Durch das langsamere Anlaufen auf den ersten 15 km habe ich noch Kraftreserven und überhole jetzt Läufer, denen es deutlich schlechter geht als mir. Gut, ob die zu schnell losgelaufen sind oder andere Problemchen haben, weiß ich nicht. Aber es motiviert mich, auch wenn ich nicht gegen sie laufe – ich laufe nur gegen die Zeit.

Mein Laufbegleiter und ich nähern uns dem Weserstadion. Es wird eine halbe Runde im Stadion gedreht. Als wir einlaufen, werden unsere Namen und Vereinszugehörigkeiten vom Stadionsprecher angesagt. „Du kommst aus Sottrum?“, werde ich von meinem Begleiter gefragt. „Ist ja lustig, ich komme aus Scheeßel!“ – „Klein ist die Welt“, denke ich mir. Dann ertönt sein Name über die Lautsprecherboxen. Es ist Detlef Brunkhorst.

Wir verlassen das Weserstadion und laufen Richtung Ziel auf dem Osterdeich. Ein kleines Tief erfasst mich. „Scheiße, immer noch drei Kilometer!“, schießt es mir durch den Kopf. Das Tief verfliegt und ich bin wieder voller Zuversicht. Detlef und ich laufen an Kilometer 41 vorbei. Jetzt ist es gleich geschafft. Auf der Zielgeraden feuert Jan mich nochmal richtig an. Er läuft ein Stück mit mir Richtung Ziel und ruft mir Dinge zu, aber ich höre ihn kaum. Ich sehe nur das Ziel und beiße die Zähne zusammen. Die Muskeln kontrollierten die ersten Kilometer des Laufs, der Wille übernahm die letzten Kilometer das Kommando, aber auf den letzten Metern beherrschen die Endorphine meine Bewegungen und ich fliege über die Ziellinie: 3:14:16 Std! Wahnsinn! Ein supergeiles Gefühl!

Detlef und ich beglückwünschen uns. Jetzt aber erstmal was trinken! Wir trinken und quatschen noch ein bisschen, dann wird es mir in den nassen Sachen zu kalt. Ich hole meine Klamotten und warte auf Papa. Lange lässt er nicht auf sich warten. Auch Papa ist heute richtig gut drauf: 3:36:54 Std! Ein Sahnetag für uns Schlusnüsse!

Nachdem auch Papa sich trockene Klamotten angezogen hat, watscheln wir Richtung Treffpunkt zu den Anderen. Sie sitzen in einem Café und wollen noch Pommes essen. Super Idee, die haben wir uns redlich verdient!

Für mich war es – trotz meiner kleinen ungewollten Pause – der beste Lauf, den ich je gelaufen bin. Ich habe mein korrigiertes Ziel sogar noch übertroffen. Jetzt träume ich schon von neuen Abenteuern und neuen Bestzeiten. Es kommt noch einiges auf mich zu, das ist sicher!

Jedem der Lust am Laufen hat, kann ich den swb-Marathon in Bremen nur wärmstens empfehlen. Völlig egal, welche Distanz Ihr lauft – dabei sein ist alles.

Nix geht, alles läuft!

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