BMW Berlin-Marathon 2018 (Jan Schlusnus)

Lange ist’s her, dass ich mich für diesen Lauf angemeldet habe: am 18. Oktober 2017 animierte mich eine Lauffreundin, mein Losglück beim Berlin-Marathon 2018 zu versuchen. An diesem Tag war ich noch Marathon-unerfahren und dachte: „Warum eigentlich nicht? Einmal sollte man doch an so einer Großveranstaltung teilgenommen haben…“ Von der spontanen Entscheidung bis zum absolvierten Lauf ist’s ein fast elf Monate dauernder Weg. Aber nun ist es geschafft und ich kann von der bisher größten Laufveranstaltung meines Läuferlebens berichten:

Im April 2018 nahm ich mit Max und Jürgen an meiner ersten Marathon-Veranstaltung teil, dem HAJ Hannover-Marathon 2018. Nach diesem Lauf folgte eine Lauf-Saison, in der wir unter anderem die Harzquerung bestritten. Zwar war ich in diesem Jahr wettkampftechnisch nicht so aktiv wie meine beiden männlichen Mitstreiter, aber läuferisch bewege ich mich auf einem guten Langstrecken-Niveau, sodass mich die Vorbereitung auf den Berlin-Marathon nicht all zu sehr in Unruhe versetzte. Zumal ich ohnehin nicht anstrebte, meine Bestzeit zu knacken; einfach nur das Event genießen…

So zurückhaltend zeigte ich mich immerzu in der Zielsetzung, aber die Vorbereitungszeit setzte ich dennoch strikt um – einen Marathon läuft man schließlich nicht einfach mal so. Pünktlich zum 09. Juli begann das Training. Da ich in meiner persönlichen Laufplanung anstrebe, ab kommender Saison die Kurzdistanzen zu optimieren und mich auf die Fünf- und Zehn-Kilometer-Strecken zu fokussieren, setzte mein Trainingsplan schon jetzt in der Woche seinen Schwerpunkt auf Geschwindigkeit. Lediglich der allwöchentliche Wochenendlauf deutete auf den Marathon hin: der altbekannte 35-Kilometer-Lauf mit kontinuierlich steigender Endbeschleunigung. Einige Male wurde ich gefragt, warum ich mir die Endbeschleunigung überhaupt antun würde. Meine Zielsetzung, den Marathon in unter vier Stunden zu laufen, erforderte diese Trainingseinheit nicht. Ein einfacher 35-Kilometer-Lauf hätte gereicht. Aber wenn mich das Langstreckenlaufen etwas gelehrt hat, dann, dass der Wille ein besonderer Laufbegleiter ist. Auch der Wille muss trainiert werden – und welches Training eignet sich besser um den Willen zu stärken, wenn nicht ein 35er mit Endbeschleunigung?

Als ich mich vor fast einem Jahr für den Marathon in Berlin anmeldete, reservierte ich natürlich auch gleich eine Unterkunft. Da ich das gesamte Ereignis erleben und ausgiebig zur Messe gehen wollte, buchte ich von Freitag bis Sonntag; nebenbei bemerkt buchte ich schweren Herzens das bis dato teuerste Hotel meines Lebens. Nicht, weil ich ein besonders exquisites Hotel wählte… nö, am Marathon-Wochenende kostet in Berlin scheinbar selbst das durchschnittlichste Hotel ein Schweinegeld, solange es nur einigermaßen zentrumsnah liegt.

Aber wie das oft so ist: wenn zwischen Planung und Durchführung ein großer Zeitraum liegt, dann passieren Zufälle und Zwischenfälle die man gemeinhin wohl als „Leben“ bezeichnet. Mir widerfährt für gewöhnlich Blödsinn, aber ausnahmsweise hat es das Leben im vergangenen Jahr mal sehr gut mit mir gemeint. Grob zusammengefasst war das so: eine Reise, eine zufällige Begegnung, viele Gemeinsamkeiten, ein bisschen Zeit, ein Abendessen, noch mehr Zeit, ein Kribbeln im Bauch, Sehnsucht, Mut, eine weitere Reise, ein paar kleine Abenteuer, ein atemberaubender Sonnenaufgang, der Sternenhimmel, ein Kuss und unendliches Glück. Seither weiß ich meine süße Sabrina an meiner Seite. Warum erzähle ich das? Einerseits, weil sie mich unglaublich glücklich macht, andererseits weil sie praktischerweise in Berlin wohnt(e) und ich so auf das schonirgendwieziemlichteure Hotel verzichten konnte. Eine tolle Bereicherung für das Wochenende, denn das Zimmer ließ sich auf ein Doppelzimmer umbuchen und ermöglichte es Max und Heike, mich nach Berlin zu begleiten. So hatte ich ein wunderbares Wochenende mit drei wunderbaren Menschen, anstatt alleine unter zigtausend Menschen zu sein. Danke nochmal an Euch Drei!

 

16. September 2018 – der Marathon

Mein Wecker klingelt irgendwann kurz vor sechs Uhr… ich weiß es nicht mehr ganz genau. Ich weiß nur: lieber würde ich liegen bleiben. Das Aufstehen fühlt sich gar nicht nach „Hurra, ich laufe heute einen Marathon“ an – mehr so nach „Noch fünf Minuten, Mama“. Aber das nützt ja nichts. Also raffe ich mich auf, verlasse das Bett und genehmige mir mein „Champion“-Frühstück – Vollkorn-Toast mit Nutella -, das mir erfahrungsgemäß vor einem langen Lauf gut bekommt. Üblicherweise vertilge ich davon Unmengen, aber heute bin ich so gar nicht hungrig. Ich zwänge mir sechs Scheiben rein, spüle ein bisschen Wasser nach und horche ein wenig in mich hinein. Aber selbst nach der ersten wachen halben Stunde des Tages bleibt mein Körper dabei: „Noch fünf Minuten, Mama!“ Es ist noch reichlich Zeit und alles ist gepackt, also erlaube ich mir, mich noch ein paar Minuten hinzulegen.

Dann ist es soweit. Sabrina und ich erreichen pünktlich den Hauptbahnhof und strömen mit gewaltigen Menschenmassen in Richtung Start. In den Startbereich darf Sabrina mich nicht begleiten, also verabschieden wir uns davor. Ich passiere die Sicherheitsschleuse, überlege kurz, ob ich mich in dieser ewigen Schlange einreihen müsste und entscheide mich dagegen. Erstmal auf Erkundungstour gehen. So tapere ich über das große Gelände und stolpere bald über die Kleiderabgabe für meinen Startnummern-Bereich. Die ewige Schlange vom Eingang schlängelt sich auch hier vorbei. Mittlerweile weiß ich, wofür die Leute anstehen: für einen der begehrten Kunststoff-Thron-Plätze mit dem Namen Dixie-Toilette. Unter uns: bei Kilometer 29 habe ich eine kurze Pipi-Pause bei einer fies-verunstalteten Dixie-Toilette am Streckenrand gemacht und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich trotz des langen Wegs dorthin noch schneller zum Pinkeln kam als alle, die da im Startbereich angestanden haben…

Nachdem ich mich für den Lauf in Schale geschmissen habe, wandere ich dorthin, wo ich die Startblocks vermute. Ein gewaltig langer Weg, der immer wieder von korkengleichen Menschenmassen vor Dixie-Toiletten versperrt wird. Je weiter ich zum Start vordringe, desto häufiger verrichten Menschen ihre kleine Notdurft am Wegrand. Erst nur Männer fernab der Wege; bald auch Frauen und irgendwann auch direkt am Weg. Schon irgendwie unschön. Aber naja.

Der Start rückt gnadenlos näher und allmählich werde ich nervös. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit hat sich kontinuierlich von „meine gemütliche Oma mit ihrem Rollator“ auf „Wachstumsgeschwindigkeit eines Grashalms“ reduziert. Bis zur Strecke sind es noch wenige Meter… aber bei dem Tempo würde es noch Jahre dauern. Mein Glück: ein paar der bereits im Startblock aufgestellten Läufer drängen mit einem „P“ in den Augen zurück… nein nein, sie haben keine Panik. Sie müssen dringend mal Pinkeln. Oder so. Ein Wahnsinn! Aber hey, geschafft, ich stehe im Startblock F. Und ich muss mich auch nicht sorgen, weil ich keine Zeit zum Warmlaufen hatte: in meiner Kaiserpinguin-Kolonie wird mir wärmer als mir lieb ist.

Wenige Sekunden später beginnt der Countdown für die erste Startwelle. Und ein paar Minuten später kommt die Erlösung: unsere Startwelle darf aufrücken und das kuschelige Verhältnis entspannt sich etwas. Auch unser Start rückt unweigerlich näher. Der Moderator versucht die Menge ein wenig zu animieren, aber so richtig lässt sich mein Umfeld nicht darauf ein. Schade. Von der bombastischen Stimmung in der Startaufstellung hatte ich viel Gutes gehört. Die Realität ist ein bisschen enttäuschend. Aber schwamm drüber. Der Countdown setzt ein und dann geht es los. Also, naja… nicht wirklich. Wir stehen noch ein paar Minuten und dann entwickelt sich das Tempo entgegengesetzt: von „Wachstumsgeschwindigkeit eines Grashalms“ geht es stetig bergauf Richtung „Meine gemütliche Oma mit ihrem Rollator“. Bevor ich selbst die Startlinie erreiche ist der Topfavorit Eliud Kipchoge auf den Bildschirmen zu sehen. Er hat gerade den fünften Kilometer passiert – mit zehn Sekunden Vorsprung auf den Weltrekord. Irre. Am Liebsten bliebe ich stehen und würde mir dieses Stück Laufgeschichte live ansehen. Aber die Bahn wird zusehends freier und ich kann die Startlinie tatsächlich im Laufschritt überqueren.

Dann beginnen die Kilometer zu rollen und grundsätzlich bin ich ganz gut drauf. Etwa bei Kilometer fünf sehe ich Max blank rasierten Kopf. Ich winke und winke und irgendwann sehen Max und Heike mich. Ein paar Kilometer später laufe ich direkt vor Sabrinas Nase vorbei, aber trotz des Winkens sieht sie mich nicht. Die Arme hat es mit mir aber auch nicht leicht: Glatze und Bart trägt mittlerweile jeder zweite Mann und meine schlicht-schwarzen Klamotten helfen auch nicht unbedingt beim Herausstechen aus der Masse.

So richtig gut war ich nie darin, mich dem Tempo der Masse anzupassen. Besonders nicht, wenn die Masse sich langsam und träge bewegt. Das fand ich nach dem Ed Sheeran-Konzert nervig, das finde ich jetzt beim Berlin-Marathon nervig. Drei Mal überhole ich einen Zug- und Bremsläufer mit der „03:45“-Zielzeit. Jedes Mal ist es ein Kampf, an ihm vorbei zu kommen. Die Funktion des Zug- und Bremsläufers ist es, Läufern eine Orientierung für ihr Tempo zu geben… entsprechend bildet sich um diese Orientierungspunkte ein Menschenpfropfen. Faszinierend ist, dass sich dieser Pfropfen laufend kaum überwinden lässt. Hat man ihn aber überwunden und trinkt an einem Verpflegungspunkt kurz einen halben Becher Wasser, bemerkt man gar nicht, dass der Pfropfen wieder vorbei läuft.

Vor dem Lauf habe ich mir gesagt, dass ich die erste Hälfte in einem gemütlichen Tempo (05:30 min/km) laufe und dann entscheide, wie es weitergehen soll: a) wenn die Stimmung prima ist und ich den Lauf richtig genieße, behalte ich das Tempo bei. b) wenn die Stimmung prima ist und ich Lust bekomme, nochmal richtig aufzudrehen, dann knalle ich los. c) wenn die Stimmung schlecht ist und ich gar keine Lust mehr habe… dann knalle ich los! Eigentlich rechnete ich mit b). Aber nach dem Halbmarathon ist meine Stimmung nicht so prächtig. Mein Bauch zwackt gelegentlich, die Stimmung am Streckenrand packt mich nicht wirklich und das Slalomlaufen in der Menge geht mir gehörig auf den Zeiger. Also rufe ich „C)!“ und knalle los.

Normalerweise bin ich um einen effizienten Laufstil bemüht. Ein effizienter Laufstil beinhaltet ein gleichmäßiges, geradliniges Tempo und eine Orientierung an der Ideallinie. Heute vergesse ich diese Vorsätze. Die Ideallinie wird in den Kurven von allen genutzt und das Tempo halbiert sich; in der Außenkurve kann man bequem an allen vorbei knallen. Hinter der Kurve muss man dann ein bisschen abbremsen, sich ein paar Lücken suchen und kann dann wieder beschleunigen. Das frisst zwar viel Kraft, katapultiert mich tempotechnisch aber weit nach vorne… und am Wichtigsten: ich finde wieder Spaß am Lauf.

Auf der Strecke wurde mir von einigen Läufern versichert, dass zwischen Kilometer 36 und 37 richtig Action sein wird. Da stehen die adidas Runners und sorgen für Stimmung. Haben sie bestimmt auch gemacht. Aber nicht wirklich, als ich dort vorbei lief. Auf die Entfernung hörte ich noch den ausklingenden Bass und nachdem ich vorbei war, setzte ein neues Lied an… Kein Stimmungsschub für mich. Aber mittlerweile ist die Strecke deutlich ausgedünnt und an vielen Punkten (nur nicht in den Kurven) kann man frei laufen.

Bei Kilometer 40 erhöhe ich das Tempo noch einmal deutlich und bin unsicher, ob der Endspurt nicht vielleicht ein bisschen sehr früh angesetzt ist. Doch ich bleibe dran und kann ein Durchschnittstempo von 04:10 min/km rauskitzeln. Das Brandenburger Tor naht… oder besser ich nähere mich dem Brandenburger Tor. In großen Schritten. Dann passiert etwas für mich ziemlich unglaubliches: jeder dritte Läufer bleibt abrupt auf der Strecke stehen, zückt sein Handy, schießt ein Selfie oder nur ein schnelles Foto vom Tor… Nicht zu fassen. Einer dieser depperten Foto-Junkies springt mir nach seiner Session direkt in den Lauf; wär‘ ich nicht so fokussiert, ich hätt‘ ihm gerne eine gescheppert.

Noch bevor ich mit beiden Füßen über die Ziellinie bin, weiß ich, was mir bei diesem Marathon von Anfang bis Ende gefehlt hat. Mein Bruder Max. In Hannover sind wir gemeinsam gelaufen, haben uns gegenseitig aufgebaut, motiviert und angetrieben. Der gemeinsame Endspurt war ein atemberaubendes, endorphingetränktes Erlebnis; ein Erlebnis, das mir in Berlin ganz klar fehlte.

Ich bin stolz, den Marathon absolviert zu haben. Und auch meine Netto-Zeit von 03:38:36 Std kann sich sehen lassen; besonders die zweite Hälfte. Aber jetzt ist erstmal Schluss mit Langstreckenlaufen und deshalb bin ich gar nicht so traurig. Wenn es mich in ein paar Jahren wieder zum Marathon zieht, dann laufe ich die 42,195 km liebend gerne mit meiner Familie und / oder bei kleineren Veranstaltungen. Die Strecke in Berlin war mir (da hinten, wo ich starten musste) entschieden zu voll. Aber es war eine wichtige Erfahrung und – und das ist am Wichtigsten – eine wunderbare Zeit mit Sabrina, Max und Heike.

Ein paar Impressionen vom Lauf findet Ihr auf unserer Instagram-Seite und bei Facebook. Danke für alle gedrückten Daumen.

Sportliche Grüße

Euer Jan

2 Antworten auf „BMW Berlin-Marathon 2018 (Jan Schlusnus)

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