Meine Vorbereitung auf Biel – Teil 1: Das Selbst-Experiment, 3. Tag (Jürgen Schlusnus)

Sonnabend, den 12.05.2018

Heute startet der dritte Marathon in drei Tagen. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich das anfühlt, in der Nacht zu laufen, habe ich mir vorgenommen, einmal in der Vorbereitung einen langen Lauf zur Startzeit um 22 Uhr zu beginnen. Was man so alles liest! Dass nachts so viel passieren kann: Ungewohnte Geräusche, reflektierende Raubtieraugenpaare, ja sogar von Depressionen war die Rede, die aufkommen können. Ich erinnere mich an ein Video von Frank Pachura, wo er zu spät zum Start eines Nachtlaufs in Holland ankommt und dem Feld hinterherläuft und irgendwann entnervt aufgibt, weil alles so unheimlich bist – besonders an der Nordseeküste.

Ich habe eine schöne Strecke geplant. Aber wie der Start so langsam immer näher kommt, bekomme auch ich Bedenken. Muss die Strecke wirklich ausgerechnet mitten durch den Wald führen? Das Wildschweinschild von vorgestern (Bericht) hat Spuren in meiner zarten Seele hinterlassen. Sind die Viecher nicht nachtaktiv? Muss ich uns (Max läuft mit, und Jan begleitet uns auf dem Fahrrad) wirklich in deren Revier hineinmanövrieren? Ich denke mir, dass die eher Reißaus nehmen, wenn sie Menschenstimmen hören und sich bewegende Lichter sehen, aber was passiert, wenn wir in ein Rudel mit Frischlingen hineinlaufen, das gerade unseren Weg kreuzt? Nein, nein, ich ändere lieber die Route: Statt durch den Spanger Forst laufen wir um ihn herum. Das geht zwar immer noch durch den Wald, aber eben auf dem Radweg neben der Bundesstraße. Dass das sicherer ist, vermute ich nur.

Pünktlich um 22 Uhr laufen wir los. Es ist schon fast dunkel, nur im Westen, da wo die Sonne untergeht, ist noch ein kleiner Silberstreif zu sehen. Wir haben unsere Trinkrucksäcke wieder bestückt wie gestern und vorgestern. Ich laufe in einer 3/4-Tight und im langärmeligen Laufshirt und habe, falls es kühler wird, ein zusätzliches T-Shirt und eine Mütze (die gelbe Laufmütze vom 6 Std.-Lauf in Rheine) eingepackt.

Und so laufen wir fröhlich schnatternd los. Jans neues Fahrrad sorgt für zusätzliches Licht, aber schon nach 2 Kilometern hat er ein Problem. Irgendwas ist mit dem Sattel, er fährt ziemlich unrund, weil irgendwo etwas gebrochen ist, und bevor er grimmig wird, schlage ich vor, jetzt umzudrehen und sein Fahrrad gegen meines auszutauschen. Okay, das macht er, und Max und ich laufen weiter durch die Nacht.

Ein Frosch hüpft über die Straße – fast wären wir drauf getreten. Und tatsächlich: Alle paar Meter sitzt irgendwo eine Katze im Busch und guckt uns an. Ihre Augen reflektieren das Licht unserer Stirnlampen. Gut, denke ich, besser ein Frosch als eine Herde Wildschweine. So kann es weitergehen!

Witzig ist es schon, durch die Nacht zu laufen – besonders am Wochenende. Die Häuser sind noch beleuchtet, überall dadrinnen sitzen sie und trinken Bier und essen Chips, während wir durch die Nacht laufen. Ein Radfahrer kommt von hinten, wir denken, es ist Jan und donnern ihn mit einem fröhlichen „Moin, Moin“ an, ohne Platz zu machen. Aber es ist gar nicht Jan, sondern ein junger Mann, nicht mehr ganz allein, aber wohl wegen unserer tiefen Stimmen etwas eingeschüchtert. Er fragt ganz brav, ob er mal vorbei dürfe, da merken wir erst, dass es nicht Jan war. Entschuldigung, Mann, natürlich darfst Du vorbei!

Ein paar Meter weiter laufen wir an der ersten Party vorbei. Im Gasthaus „Fährhof“ wird in der Scheune und am See gefeiert. Wir hören die Musik und sehen die Partybeleuchtung – tja, und wir laufen weiter. Kurz vor Hellwege hat Jan uns eingeholt. Nun sind wir wieder zu dritt unterwegs. Wir laufen auf Ahausen zu. Sag mal, geht das hier auch bei Tageslicht ständig bergan? Fährt man die Strecke mit dem Auto, sieht und merkt man davon nichts, aber die Beine sagen, dass hier ein langgezogener Hügel ist. Und noch etwas ist anders: Zuerst habe ich gedacht, es nieselt oder so etwas, aber dann merke ich, dass das feinste Staubpartikel sind, die ich im Licht meiner Kopflampe sehe. Wir einigen uns darauf, dass das wohl Blütenstaub ist. Den sieht man bei Tageslicht auch nicht. Einiges ist anders in einer Maiennacht.

In Eversen ist Schützenfest. Ein paar Jugendliche sitzen auf dem Fußweg und sind cool, während ein nicht ganz so Cooler mit seinem Fahrrad Kunststücke macht. „Alter“, sagt einer, „warum lauft Ihr denn nachts?“ Hätten wir es ihm erklären sollen? Wir laufen weiter. In Eversen biegen wir auf den Radweg an der B 215 Richtung Verden ab. Es geht jetzt eine ganze Zeitlang auf leicht welligem Geläuf an der Bundesstraße entlang. Mitternacht ist auch schon durch. Geisterstunde? Keine Spur, es geht leicht, auch wenn das Sichtfeld deutlich eingeschränkt ist. Und wir reden und reden. Von Zeit zu Zeit fährt Jan vor und fotografiert uns, wenn wir an ihm vorbeilaufen. Er postet sogar live von unserem Lauf auf Instagram. Ob das die Leute, die uns folgen interessiert, was wir machen, während sie auf einer Party sind? Wir hoffen es.

Kurz hinter Heidkrug biegen wir von der Bundesstraße ab und laufen auf Völkersen zu. Aber das dauert noch, obwohl wir in Erinnerung haben, dass der Ort eigentlich jeden Moment kommen müsste. Tut er aber nicht. Wir laufen und laufen und finden, dass es sich ausgesprochen gut läuft. Nur ganz wenige Autos sind unterwegs, die Luft ist mild, und ich habe schon die langen Ärmel meines Shirts hochgeschoben. Auch meinen Buff nehme ich ab. Wir schwitzen, aber wir haben auch schon fast 25 km auf dem Tacho.

Dann sind wir endlich nicht nur am Ortsschild, sondern auch direkt im Ort. Auf einer Bank ruhen wir uns kurz aus. Ein paar Weingummis, ein paar Datteln, und wieder weiter – an einer Hochzeitsfeier vorbei.

Nun geht es bis Posthausen durchs Moor. Die Höfe links und rechts der Straße liegen etwas abseits der Straße, aber jede Zufahrt ist etwas erhöht angelegt und danach sackt der Weg wieder ab, so dass man jetzt getrost von einer welligen Strecke reden kann. Die Kilometer ziehen sich. Wir reden die kleine Kapelle kurz vor Posthausen herbei, aber sie kommt nicht. Sie lässt sich Zeit. Da vorne jetzt bestimmt. Nein, immer noch nicht. In Posthausen wollen wir noch einmal kurz anhalten und ein Snickers essen. Mal sehen, wie uns das bekommt.

Dann endlich kommt die Kapelle in Sichtweite. Jetzt sind es nur noch ein paar Kilometer bis nach Posthausen. Die vergehen unter ständigem Auf und Ab. Als wir uns vor dem Personaleingang des Kaufhauses Dodenhof auf eine Bank setzen, ist es kurz vor 2 Uhr. Wir haben knapp 32 Kilometer auf dem Tacho. Der Dodenhof-Pförtner ist anfangs ein wenig alarmiert, sinkt aber nach einem kurzen Gruß mit der Hand wieder in sich zusammen. Und während wir unser Snickers essen, rafft er sich dann doch auf und kommt an die Tür. Mal sehen, was die so vorhaben, wird er sich gedacht haben. Ich erkläre ihm, warum wir nachts laufen. Die Begründung leuchtet ihm ein. Aber 100 Kilometer? Die Verständnislosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben – wie eigentlich den meisten, wenn ich von meinem Vorhaben in Biel erzähle. 100 Kilometer? In wieviel Tagen? In 11 Stunden! Aber doch nicht in eins durch?

Unser Pförtner macht sich so seine eigenen Gedanken. Wenn man denn in so einem  Training wie heute um die 42 Kilometer läuft, dann fehlen ja noch 58? Richtig! Na, denn man zu …

Wir laufen weiter. Vor der Moorhexe in Wümmingen fährt Jan mit dem Fahrrad vor. Auf dem Parkplatz hält er an und kramt in seinem Rucksack. Zu unserer großen Freude hat er für jeden eine Fassbrause eingepackt. Wir trinken die Brause und werden beobachtet. In der Moorhexe wird eine Hochzeit gefeiert, und zwei Gäste im Anzug und mit ordentlich Promille auf dem Kessel sind sehr interessiert, wissen aber nicht so genau, ob Sie uns freundlich ansprechen wollen oder lieber doch anpöbeln. Sie stehen da und glotzen, und dann sind wir aber auch schon wieder auf dem Weg.

Durch die Wümmewiesen laufen wir nachts besser nicht. Also geht es geradeaus weiter nach Ottersberg-Bahnhof und dort in der Unterführung unter den Gleisen hindurch. Ein letztes Highlight erleben wir, als wir auf den Radweg an  der B 75 abbiegen. Hier im Gehölz singt eine einsame verliebte Nachtigall die schönsten Liebeslieder, so schön und melodiös, dass wir fast stehen bleiben.

Auf dem Weg nach Ottersberg kommt uns ein Riese auf einem Fahrrad entgegen. Zuerst hielt ich die Erscheinung für einen Trecker, aber warum sollte ein Bäuerlein nachts um halb drei mit seinem Trecker herumfahren? Nein, beim Näherkommen stellen wir fest, dass das ein riesengroßer Mensch ist, der mit seinem Fahrrad und einem Anhänger Zeitungen verteilt. Nun scheint es zum Schluss doch noch so zu sein, dass sich die Wahrnehmung bei einem nächtlichen Lauf leicht verschiebt. Der Riese grüßt kurz und ist schon an uns vorbei.

Jetzt können wir das Weizenbier im Kühlschrank schon unsere Namen rufen hören. Wir sind aus Ottersberg heraus und auf der Straße nach Stuckenborstel. Die restliche Zeit verbringe ich mit Rechnereien, ob wir denn auf die Marathon-Distanz kommen oder ob wir im Ort noch einen kleinen Schlenker laufen müssen. Denn eines steht fest: Unter 42,195 km gehen wir heute nicht von der Straße. Wie das immer so ist mit den Rechnereien nach fünf Stunden Laufen: Sie dauern lange und stimmen selten. Aber dann haben wir Klarheit: 42,29 km stehen auf der Polaruhr und 5:09:58 Stunden. Noch ein letztes Foto und dann erschrecken wir Fritz, den Lauf- und Wachhund. Der ist ganz irritiert, dass so kurz vor dem Morgengrauen Leute ins Haus wollen, um ein kaltes Bier zu trinken. Wir klatschen uns ab, bedanken uns bei Jan für die tolle Unterstützung und sitzen dann noch kurz zusammen, bevor es unter die Dusche und ins Bett geht.

Auch der dritte Marathon an drei Tagen ist geschafft. Die Beine fühlen sich gut an, und ich bin guter Hoffnung, dass es nicht nur mit Biel klappt, sondern irgendwann auch mal mit meinem Traum: einen Etappenlauf quer durch Deutschland. Aber eins nach dem anderen: Zuerst kommt Biel und vorher noch ein paar Trainingsläufe. Schon am nächsten Sonntag soll es weitergehen: Dann stehen 60 Kilometer auf dem Plan.

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