Meine Vorbereitung auf Biel – Teil 1: Das Selbst-Experiment, 1. Tag (Jürgen Schlusnus)

Am Freitag, den 08.06.2018, um 22 Uhr startet der 100 km-Lauf in Biel. Dafür bin ich seit Ende letzten Jahres angemeldet. Schon recht bald nach meinem ersten Wettkampf-Hunderter im Oktober 2017 (Taubertal 100) hatte ich für mich entschieden, den nächsten in Biel zu laufen. Man weiß das ja: „Irgendwann musst Du nach Biel!“ Und die 60. Auflage scheint doch ein ganz guter Anlass zu sein, im Mekka der Ultraläufer an den Start zu gehen.

Ursprünglich sah die Planung meines Trainings für 2018 so aus, dass ich volles Gewicht auf den Hannover-Marathon als ersten Saisonhöhepunkt legen wollte, um dann daran anschließend die verbleibende Zeit auf den 100er zu legen. Nachdem mich im Februar eine schwere Erkältung mit Fieber und Husten über eine Woche kaltgestellt hatte, änderte ich diese Planung: Ich schwenkte ziemlich spontan und abrupt auf einen Trainingsplan nach Hubert Beck für eine 100er-Zeit von 11:15 Std. um, behielt aber die marathonspezifischen langen Läufe mit immer länger werdenden Endbeschleunigungen am Wochenende bei. Mit anderen Worten: Ich trainiere seit Ende Februar für den 100er in Biel und versuchte, den Marathon so gut es eben geht aus diesem Training heraus zu laufen.

Dass das schief ging, könnt Ihr hier nachlesen. Aber es ging nicht schief, weil das Training nicht gestimmt hätte, sondern wegen des unerwartet sonnigen Tages (wenn ahnungslose TV-Moderatoren von „idealen Laufbedingungen“ schwätzen, dann ist Vorsicht geboten).

Knapp drei Wochen nach dem Marathon stand die Harzquerung auf dem Programm. Auch hierzu habe ich einen Bericht geschrieben. So ein Ultra mit vielen Höhenmetern ist, denke ich, schon eine ganz gute Vorbereitung auf Biel. Euphorisiert durch das Harz-Lauf-Erlebnis habe ich auch meinen 100er-Trainingsplan für die letzten vier Wochen noch einmal geändert. Orientiert habe ich mich dabei an den Empfehlungen, die Michael Irrgang auf den Seiten der LG Ultralauf gibt. Eine dieser Empfehlungen ist, an einem Wochenende zwei oder drei Läufe über die Marathondistanz zu machen, also in eine vom Vortag vorhandene Ermüdung hineinzulaufen, um so den Körper auf die lange Belastung eines Hunderters vorzubereiten.

Wer mich kennt, weiß, dass solche eher wahnwitzig klingenden Empfehlungen einen ganz besonderen Reiz auf mich ausüben. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Lauf mit Freunden in den frühen 90er Jahren, bei dem der Marathon-Countdown von Peter Greif zur Sprache kam. „Irre“, „viel zu große Belastung“, „das hält doch kein normaler Läufer aus“ – das waren so die Reaktionen. So etwas brauche ich nur zu hören, dann legt sich ohne mein Zutun in meinem Inneren ein Schalter um. Ich habe zweimal nach dem Countdown trainiert und habe meine Marathon-Bestzeit im ersten Versuch auf unter 3 Stunden und im zweiten Anlauf auf 2:44:44 Std. verbessert. Allerdings ist die Gefahr groß, sich den letzten Saft aus den Knochen zu laufen – so war das leider auch bei mir. Nach den 2:44 Std. war erst einmal Schluss – für Jahre. Heute bedauere ich das. Ändern lässt es sich aber auch nicht mehr.

Nach diesem kleinen Ausflug in mein zweites Läuferleben zurück ins Jahr 2018. Der Schalter legte sich wieder einmal von alleine um, und weil das Himmelfahrtswochenende bevorstand, erklärte ich meinen Jungs den Plan: Ich laufe Donnerstag, Freitag und Sonnabend jeweils einen Lauf, der über die Marathondistanz hinausgeht. Den letzten am Sonnabend zudem noch, um auch das einmal auszuprobieren, komplett in der Nacht. Überrascht war ich von ihrer Reaktion. „Ja, ist gut“, sagte Max, „am Donnerstag und am Sonnabend komme ich mit.“ Und Jan, der als Folge der Harzquerung noch ein wenig an der Hüfte herumlaboriert und hin und her überlegt, ob er nicht lieber das Schwergewicht seines Trainings auf eine deutliche Verbesserung seiner 10 km-Bestzeit (Papas Bestzeit von 35:24,2 min aus dem Jahre 1995 gilt es zu knacken) ausrichten und dafür die Ultras hintanstellen soll, erklärte sich spontan bereit, uns bei dem Nachtlauf auf dem Fahrrad zu begleiten.

Tag 1: Himmelfahrt (10.05.2018)

Max und ich hatten den Start für 12 Uhr vorgesehen. Ein bisschen Ausschlafen sollte schon sein, ein gemütliches Frühstück bei schönstem Maisonnenschein auf der Terrasse auch, naja, und etwas Zeit braucht die Verdauung ja auch. Aufgrund der guten Erfahrungen bei der Harzquerung nahm ich zusätzlich zu den 2 Litern Wasser in der Trinkblase zwei Flaschen für die Trägertaschen meines Trinkrucksacks mit: 0,75 l mit am Vortag in Apfelsaftschorle eingeweichten Chiasamen und 0,75 l mit Refresher von Ultra Sports. In den Rucksack kamen die obligatorischen Colaflaschen-Weingummis, ein Apfel und getrocknete Bio-Datteln. Salzkekse waren in unserem Haushalt aus, sonst hätte ich auch davon welche eingepackt. Außerdem noch das Handy (mit der eingespeicherten Routenplanung), Klopapier, Geld für den Notfall und ein Shirt zum Wechseln. Dann noch Jans Kamera, um ein wenig zu dokumentieren, an den Rucksack geklemmt – und los ging’s.

Die Route hatte ich in einer neuen App namens Komoot geplant. Ich hatte davon viel Gutes gehört und wollte sie einmal ausprobieren. Das Ergebnis vorweg: Die App ist für Läufer, die abseits der Straßen laufen wollen, gut geeignet, wenn man es nicht unterlässt, seinen Verstand auszuschalten. Manchmal möchte die App zum Beispiel ohne erkennbaren Grund, dass man umkehrt, manchmal weist sie einen an Kreuzungen nach links oder rechts, obwohl es geradeaus weitergeht, und manchmal sagt sie gar nichts, wo eine Ansage angebracht wäre. Aber im Großen und Ganzen kann man sich darauf verlassen, man wird gut geführt und kann sich aufs Laufen konzentrieren. Und wenn man einmal durch eigene Schuld oder durch die Technik von der vorgegebenen Route abkommt, dann erhält man sehr schnell einen Hinweis aus dem Rucksack.

Schon nach fünf Kilometern hatten wir Gelegenheit zu einem ersten Test. Hinter Everinghausen wollten wir über die Wümme kommen, kannten den Weg aber nicht. Aber Komoot kannte ihn, führte uns zuerst auf einem Weg für Trecker und dann über einen Weg, den man nicht sehen kann, der aber da ist, tatsächlich zu der Brücke. Wir waren begeistert. Auch danach immer wieder kleine Wege durch Wald und Flur, Wege, die wir nicht kannten, auf denen wir noch nie gelaufen waren. Super. Immer wieder aber auch kleine Pausen, um das Handy aus dem Rucksack zu holen, weil es ein Problem gab. Aber alles ließ sich spätestens nach einem Blick auf die Route lösen.

Es wurde zunehmend wärmer. Schon an der Wümme machten wir eine kurze Pause, um uns Wasser ins Gesicht und über den Kopf zu gießen. Gut, dass wir genug zu trinken mit hatten.

Hinter Hellwege schickte uns die App in den Busch. Da war kein Weg, und durch die Dornen liefen wir nicht. Nach kurzer Zeit waren wir aber wieder auf Kurs. Es ging durch den Spanger Forst, wo wir die erste kurze Pause einlegten, um etwas zu essen und das nassgeschwitzte T-Shirt zu wechseln, dann weiter auf Single Trails, die das Herz höher schlagen ließen, um Völkersen und Dahlbrügge herum. Im Bereich Langwedeler Moor kam uns die erste und einzige Vatertagstour entgegen. Die Jungs und Mädels rochen ein wenig stark nach Bier und Schnaps, waren aber noch ganz gut zu Wege, es gab keine dummen Kommentare, sondern im Gegenteil sogar ein bisschen Applaus und anfeuernde Rufe.

Immer wieder filmten wir uns und die Landschaft. Der Mai tat sein Bestes, die Sonne schien, und die Natur hatte ein grünes Sonntagskleid angelegt. Wir waren bester Stimmung. In Grasdorf (ca. km 30) machten wir eine etwas längere Pause auf einer Bank an einer Bushaltestelle. Ich holte meinen Apfel hervor, den ich beim Weiterlaufen aß. Kurz nach der Pause gab es ein Geklöter: Ach du Scheiße, Jans Videokamera … Nein, die Kamera klemmte zum Glück noch am Brustband des Rucksacks, aber das Stativ hatte sich selbständig gemacht und war beim Laufen gebrochen.

Hinter Grasdorf wurde es etwas eintöniger. Waldwege waren aus, wir liefen auf Fuß- und Radwegen an einer Kreisstraße entlang. Kein starker Verkehr, aber ewig geradeaus, und im Wald ist es nun einmal so oder so schöner. In Tüchten erreichten wir dann bei km 35 erstmals wieder bekanntes Laufterrain. Hier kamen wir auf unsere 35 km-Runde, die wir in der Marathonvorbereitung gelaufen sind. Der Hit aber war ein Warnschild vor einem im schönsten Gelb blühenden Rapsfeld, das wir noch nie gesehen hatten: „Vorsicht Lebensgefahr! Wildschweine„. Und ein paar Meter weiter, während ich eine Pinkelpause machte, sah Max einen großen Schatten im Raps: ein Wildschwein! Sagt er. Ich hab’s nicht gesehen, aber sehr vorsichtig und mit etwas Beschleunigung sahen wir zu, dass wir daran vorbei kamen.

Dann, vor Wümmingen: ein Problem. Das Wasser ist aus und noch elf Kilometer in der Hitze. Wo bekommen wir jetzt Wasser her? Klingeln und nach Leitungswasser fragen? Später, wenn nichts mehr geht. Bis dahin: Gucken, ob wir irgendwo Menschen auf den Grundstücken sehen. Aber die waren alle im Haus oder im Garten oder auf Vatertagstour. Wir sahen niemanden. Dann kam Max die Idee: Wir fragen in der Moorhexe, ob wir unsere Flaschen auffüllen können. Gute Idee. Bis dahin sind es nur noch drei Kilometer. Oh, eine noch bessere Idee: Wir haben ja Notfallgeld mit! Und los: Noch drei Kilometer und wir kaufen uns ein alkoholfreies Bier!

Junge, das zischte! Und die Wasserflasche ist auch wieder voll. Weiter – noch sieben Kilometer. Und noch ein paar Highlights: die Trails durch die Wümmewiesen bei Ottersberg und die Eisenbahnbrücke (ein guter Trainingsort für den PUM, den wir 2019 angehen wollen?), Wege, die wir sonst selten bis gar nicht laufen. Und zu guter Letzt die freundliche ältere Dame in Ottersberg, die meine Bitte um eine Abkühlung erfüllte und mich mit ihrem Gartenschlauch nass machte (was hinterher leider zu Scheuerstellen führte).

Und dann waren wir wieder zuhause. Mit den paar kleinen Um- und Irrwegen haben wir heute in 5:42:37 Std. 47,55 km zusammengelaufen. Die Beine fühlen sich gut an – das war kein Problem. Der nächste Tag des Marathon-Streaks, wie Jan das Selbstexperiment nannte, kann kommen.

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