38. AOK-Winterlaufserie – Lauf drei (Jan Schlusnus)

Heute hat das große Finale der Bremer Winterlaufserie im Bürgerpark stattgefunden. Nachdem die Krankheitswelle in den letzten Wochen um sich griff und ein fieser Husten plus Fieber Jürgen für zwei Wochen vom Laufen abhielt, sind wir Lauffreunde sehr froh, die heutigen 20 Kilometer letztlich doch alle gemeinsam absolviert zu haben.

Sonntag, 04. März 2018 – Bremen, Bürgerpark

Wie zu jedem Wettkampf, treffen wir Schlusnüsse uns morgens im Elternhaus und fahren gemeinsam zum Lauf. Jürgen und ich neigen am frühen Morgen zu einer eher zurückhaltenden Stimmung… aber heute hielt sich die allgemeine Motivation noch weiter in Grenzen. Jürgen musste zwei Wochen krankheitsbedingt das Laufen pausieren und war sich deshalb nicht sicher, wie gut der Lauf heute zu schaffen sei. Und ich habe in der letzten Zeit mit fiesen Druckstellen zu kämpfen, die mir ein wenig den Spaß am Laufen rauben. Einzig Max, die Frohnatur, hüpft und blödelt munter quer durch die Küche.

Wir brechen zeitig in Stuckenborstel auf, damit wir uns noch einen vernünftigen Parkplatz sichern können. Das klappt heute leider nicht so gut wie sonst, aber wir sind ja gut zu Fuß. Oder? Ich komme darauf zurück!

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Beim Umziehen am Auto ist die Stimmung wie immer lustig. Zwar ist es heute nicht so kalt, wie es die übrigen Tage in der Woche war, aber kalt genug, dass Jürgen eine kleine Diskussion mit sich selbst führt: wie viel Haut bleibt beim heutigen Lauf unverdeckt? Max und Jürgen entscheiden sich für ein ausgewogen-luftiges Outfit. Für mich steht dieser Punkt überhaupt nicht zur Debatte: ich laufe im Polarforscher-Outfit.

Bevor wir uns im Start-Ziel-Bereich einfinden, schießen wir noch eben ein Vorher-Gruppenfoto… man sieht schnell, dass der Spaß vom Umziehen der vor-dem-Wettkampf-Konzentration gewichen ist. Ernste Gesichter mit einem gepressten Lächeln blicken in die Kamera.

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Beim Lauf im Februar dachte ich, mein Platz in der Startaufstellung sei relativ weit vorne gewesen, doch ich erkannte bereits auf den ersten Metern, dass ich mich noch nicht weit genug vorne platziert habe. Da ich mich ziemlich gut über tapsige, deplatzierte Läufer beim Start ärgern kann und dieser Ärger dazu führt, dass ich mich die ersten Kilometer unnötig verausgabe, habe ich heute Präventionsmaßnahmen ergriffen und mich deutlich weiter nach vorne gestellt. Max wirkt „so weit vorne“ etwas verunsichert, doch er gesellt sich dennoch zu mir. Jürgen hingegen hält sich im Hintergrund, denn er ist sich noch immer nicht ganz sicher, ob er den Lauf nicht doch vielleicht abbrechen muss.

Max und ich mutmaßen gerade, was die leise Lautsprecher-Stimme wohl erzählt: „Wahrscheinlich ist das der Countdown…“ Und tatsächlich, der Schuss fällt und das Finale der Winterlaufserie beginnt. Unsere Startplätze sind ganz hervorragend und wir können ungehemmt losbrettern. Max klopft mir auf die Schulter und ruft: „Zieh‘ durch, Jan!“ Er strebt für den heutigen Lauf eine 04:30er-Pace an, während meine Wunschpace bei 04:15 Minuten pro Kilometer liegt. Den ersten Kilometer laufe ich ein wenig zu schnell und während ich bei Kilometer zwei versuche, in mein Tempo zu finden, trabt Max plötzlich wieder neben mir. „Das Tempo fühlt sich ganz gut an. Ich schaue mal, wie lange ich mithalten kann“, erzählt er mir. Normalerweise redet Max bei Wettkämpfen nicht sehr viel. Heute schon. Wir absolvieren die erste Runde gemeinsam und ich liege perfekt in meiner Wunschzeit. Doch so richtig gut geht sich der Lauf für mich nicht an. Bei Kilometer sechs merke ich, dass sich ein Stechen unter der rechten Rippe anbahnt. Ein Warnzeichen, das ich einmal ignoriert habe. Ein Warnzeichen, das man nicht ignorieren sollte. Denn wird es ignoriert, baut sich das Pieksen schnell zu einem Schmerz aus, der vom Körper mit Verwehrung jeglicher Aktivität quittiert wird. Also nehme ich ein wenig Tempo raus und konzentriere mich auf meine Atmung. Und tatsächlich weitet sich das Problem nicht weiter aus. Doch nur wenige Kilometer weiter erreicht das nächste Nörgel-Signal meinen Kopf: die Druckstellen an den Füßen sind offensichtlich nicht so gut abgeheilt, wie ich es gehofft habe. Aber da müssen die Füße nun durch.

Bei Kilometer neun fällt Max zurück. Auch bei ihm beginnt es, in der Seite zu stechen und er muss sein Tempo neu finden. Ich höre hinter mir den Pace-Maker von Janina. Janina läuft die kleine Serie und befindet sich gerade im Endspurt. Befeuert von den Motivationsrufen für Janina werde auch ich schneller. Ich überquere die Ziellinie nur wenige Sekunden vor ihr. Das Problem ist nur: sie ist durch, ich habe gerade die Hälfte geschafft. Ich nehme wieder ein bisschen Tempo heraus und etwa bei Kilometer zwölf hat Max mich wieder eingeholt. Die dritte Runde laufen wir gemeinsam. Während der dritten Passage des Start-Ziel-Bereichs tönt gemütlicher Friede-Freude-Eierkuchen-Reggae aus den Lautsprechern und ich frage mich, ob das eine Einladung zum Verweilen ist. Ich verstehe, dass der Zuschauer-Andrang und die Anfeuerungsrufe bei dem Wetter eher verhalten ausfallen, aber die Musik könnte man für eine Laufveranstaltung etwas feuriger wählen…

Max ist nach wie vor ungewöhnlich gesprächig und versucht, mich zu motivieren. Doch genervt von meinen wunden Füßen und dem unterschwelligen Pieksen in meiner Seite, staut sich ein gewisser Unmut in mir auf, der mich überhaupt nicht empfänglich für Unterhaltungen irgendeiner Art macht. Max merkt bald, dass er nicht so recht zu mir durchdringt und ich wie ein störrischer Esel an meinem Tempo festhalte, also nimmt er die Führung auf. Bei Kilometer 16 ruft er mir nach einer engen Kurve zu, ich solle aufschließen, doch meine Füße wollen nicht schneller. Janina und ihr Pace-Maker laufen sich gerade eine Runde in entgegengesetzter Richtung aus und feuern uns an (danke dafür! Ihr seid super!). Und tatsächlich dringen sie zu mir durch. Ein bisschen kann ich das Tempo steigern, aber es reicht nur, dass Max sich nicht weiter von mir entfernt.

Bei Kilometer 18 versucht ein junger Mann, an mir vorbei zu ziehen. Und urplötzlich ist meine Kampfeslust geweckt und der Wettkampf-Wille wieder da. Einen halben Kilometer laufen wir auf Augenhöhe, dann fällt er zurück. Doch es dauert nicht lange, da schließt er wieder auf. Und er hat Verstärkung dabei. Nun ringen wir zu fünft um die „Führung“. Die anderen vier haben offenbar noch einige Reserven. Ich leider nicht. Sie übernehmen die Führung und ich bilde notgedrungen die Nachhut.

Auf dem letzten Kilometer beiße ich die Zähne noch einmal zusammen und verschieße mein letztes Pulver. Max kann ich nicht mehr sehen. Aber egal. Auf den letzten Metern bin ich so fokussiert auf das Ziel, dass ich die Strecke kaum noch beachte. Um ein Haar knicke ich um, als ich gefrorene Reifenspuren passiere, doch ich fange mich noch. Heilfroh, den Lauf endlich hinter mir zu haben, erreiche ich die Ziellinie.

Ich wärme mich mit ein paar Bechern heißem Tee auf und finde sehr schnell Max, der mit Ronald – dem Schuhverkäufer unseres Vertrauens – im Gespräch ist. Beim Lauf im Februar war es umgekehrt: ich stand bei Ronald und Max musste mich suchen.

Bald läuft auch Jürgen ins Ziel ein. Er ist zufrieden mit seinem Ergebnis und froh darüber, dass der Husten keine Probleme bereitet hat. Kurz sorge ich mich, als er beim Tee trinken doch ganz fies husten muss, doch das reguliert sich schnell wieder.

Gemeinsam gehen wir zum Auto und ziehen uns warme Klamotten über. Ich fauler Hund reduziere mein Auslaufen auf etwa 100 Meter und warte beim Auto, während Max und Jürgen vorbildlich eine weitere Fünf-Kilometer-Runde joggen. Nun begeben wir uns zur Siegerehrung. Habe ich eingangs erwähnt, wir wären gut zu Fuß? Das trifft nach dem Lauf wohl noch auf Max und Jürgen zu. Auf mich aber nicht. Jeder Schritt will behutsam gewählt sein, wenn die Füße völlig zerschrabbelt sind. Ätzend.

Max und ich brauchen uns keine Hoffnungen auf eine Platzierung bei der Siegerehrung machen; dafür ist die Männer-Hauptklasse mit Sebastian Kohlwes, Fisha Werede und Abiel Hailu viel zu stark (Glückwunsch für die tolle Leistung!). Aber Jürgen stand im Vorfeld des Laufs bereits auf Platz drei und verbesserte sich heute auf den zweiten Platz der M60. Und wenn man es schon auf’s Treppchen (bei der Siegerehrung gab es kein Treppchen, es war mehr ein Plättchen) schafft, dann nimmt man auch an der Siegerehrung teil.

Unter’m Strich war heute ein toller Wettkampf-Tag im schönen Bremer Bürgerpark bei bestem Wetter (gut, es hätt‘ für mich ein paar Grad wärmer sein dürfen). Zugegeben war die Stimmung bei mir während des Laufs sehr durchwachsen, aber nach absolviertem Lauf und gewärmt vom Sonnenschein verblassen die Wehwehchen wieder und auch ich kleiner Nörgel-Hannes kann sagen: Laufen ist eine feine Sache. Hoffentlich kann ich das auch bald wieder beim Laufen sagen und nicht nur im Nachhinein.

Meine Zielzeit habe ich übrigens knapp verfehlt, aber mit dem Ergebnis bin ich dennoch ganz zufrieden.

Max:   22. Platz

  1. Runde: 21:35 min
  2. Runde: 22:25 min
  3. Runde: 23:00 min
  4. Runde: 22:32 min

Gesamt: 01:29:35 Std

Jan:   27. Platz

  1. Runde: 21:35 min
  2. Runde: 22:05 min
  3. Runde: 23:19 min
  4. Runde: 23:22 min

Gesamt: 01:30:20 Std

Jürgen:  109. Platz

  1. Runde: 26:12 min
  2. Runde: 25:51 min
  3. Runde: 26:43 min
  4. Runde: 26:26 min

Gesamt: 01:45:10 Std

Und wenn man sich unser Nachher-Gruppenfoto anschaut, dann sieht man, dass wir alle ganz zufrieden mit unseren Ergebnissen sind.

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