Es geht voran (Jan Schlusnus)

Letztes Wochenende haben Max, Jürgen und ich unseren ersten gemeinsamen 35-Kilometer-Lauf mit Endbeschleunigung absolviert. Zugegeben: Max und Jürgen laufen die 35 Kilometer wacker seit es der Vor-Vorbereitungsplan vorsieht – ich bin wegen meiner gezwungenen Schonzeit aber stets bei 30 Kilometern ausgestiegen. Bis zum letzten Wochenende. Da haben wir die volle Distanz gemeinsam durchgezogen. Ohne zeitliche Vorgabe, aber mit drei Kilometern Endbeschleunigung. Und eins sei gesagt: nach 32 Kilometern kostet es viel Überwindung, das Tempo noch einmal auf Maximum anzuziehen!

Nun ging unser Marathon-Vorbereitungsplan Anfang der Woche in die heiße Phase über. Fünf Trainingsläufe wollen pro Woche absolviert werden. Der Anspruch steigt von Woche zu Woche. Und der wichtigste Lauf erwartet uns jedes Wochenende – soweit möglich am Sonnabend. Die 35er laufen wir gewöhnlich zusammen und manchmal begleitet Lotti uns mit dem Fahrrad. Nun, da die Vorbereitung richtig beginnt, bekommt der 35er-Sonnabend einen ganz neuen Beigeschmack: es gibt eine Tempovorgabe und jede Woche wird die Endbeschleunigung länger.

Um diesen Anforderungen besser gerecht werden zu können, probierte ich jüngst die Trainings-Funktion meiner Garmin-GPS-Laufuhr aus. Über zwei Monate besitze ich diese mittlerweile. Und noch heute entdecke ich zwischendurch tolle Eigenschaften oder probiere kleine Zusatz-Funktionen aus. „Lies doch mal die Bedienungsanleitung, dann musst du die Funktionen und Eigenschaften nicht zufällig ‚entdecken‘!“, denkt jetzt vielleicht der ein oder andere. Das mag sicher in vielerlei Hinsicht ein hilfreiches Nachschlage-Werk sein, aber abgesehen von meiner allgemeinen Anleitungs-Muffeligkeit hat mir dieses Dokument in der einen Situation, in der ich es zurate gezogen habe, nicht weiterhelfen können. Stöbern und Ausprobieren hingegen schon. Also halte ich es, wie es mir am Liebsten ist: „Trial & Error“.

Am Mittwoch bei den Intervall-Läufen habe ich erstmals die Trainingsfunktion von Garmin ausprobiert. Die Trainingseinheit kann man blitzschnell über die App am Handy oder über den Browser am Computer nach den eigenen Bedürfnissen erstellen, auf die Uhr überspielen und sofort nutzen. Das ist super einfach und funktioniert richtig gut. Zeitvorgaben lassen sich mit dieser Funktion spielend leicht einhalten. Ich bin so begeistert, dass ich mir auch die übrigen Wochen-Läufe digitalisiert und auf die Uhr überspielt habe. Für den konkreten Fall am Sonnabend bedeutete das: 32 Kilometer mit 05:42 – 05:57 min/km Zielpace, drei Kilometer Endbeschleunigung und Auslaufen im eigenen Ermessen.

Die Umstände machten es an diesem Sonnabend leider erforderlich, dass ich mich alleine auf große Tour aufmachte. Max ist das Wochenende mit Freunden auf dem Junggesellenabschied seines guten Freundes Krishna und hat seinen langen Trainingslauf bereits am Freitag abgehakt (wohl dem, der Urlaub hat). Jürgen wurde überraschend von einer ziemlich fiesen Erkältung mit Fieber, Husten und allem, was so dazu gehört, erwischt. An Laufen ist da die nächsten Tage überhaupt nicht zu denken.

 

 

Sonnabend, 17. Februar 2018 – Stuckenborstel und Umgebung

Die Sonne scheint, es ist angenehm mild und ich bin vorsichtig optimistisch. Ich starte das Training, fühle mich noch ein bisschen eingerostet und werde von der Uhr angemahnt, zu langsam unterwegs zu sein. Also sehe ich zu, dass ich in die Puschen komme und innerhalb von 100 Metern verstummen die Klagen über Nicht-Einhaltung der Trainingsvorgaben.

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Vom Sonnenschein und Vogelgezwitscher angespornt, muss ich mich bald bremsen, um die Zielpace von minimal 05:42 min/km nicht zu unterschreiten. Die Kilometer fliegen dahin, meine Laune ist prächtig und nach etwa fünf Kilometern sind die üblichen Wehwehchen in Füßen und Beinen wie weggeblasen. Ich lache, freue mich über Krokusse am Wegesrand, grüße freundlich die Passanten (als Antwort erhalte ich meist ein grummeliges Kopfnicken) und sause durch die Landschaft – sofern man bei einer Pace von knapp unter sechs Minuten pro Kilometer von ‚Sausen‘ sprechen mag. Im Anbetracht der Gesamtdistanz mag ich das aber gerne tun.

Die Feldwege sind durch den Sonnenschein aufgetaut und Teile meines Weges führen mich über abenteuerlich schlammige und von Treckerspuren zerpfurchte Pfade. Anfangs kann ich darüber gut lachen, doch als mir nach zwölf Kilometern ständig die Erdbrocken um die Ohren fliegen und ich mehrfach ins Straucheln gerate, kommt auch meine Laune ein wenig ins Wanken. Während es anfangs noch kurze Phasen des Schimpfens sind, die schnell wieder vom fröhlichen Lächeln hinfort gewischt werden, verlagert sich die Stimmung nach 25 Kilometern zunehmend in angestrengte Erschöpfung. Meine Trainingskumpanen fehlen mir, denn normalerweise kommt man nicht dazu, sich in seine Müdigkeit hinein zu steigern – die Anderen bauen einen wieder auf oder lenken die Stimmung in eine zuträglichere Richtung. Man stützt sich bei einem langen Lauf gegenseitig.

Kilometer 26 empfinde ich bei diesem Lauf als besonders fies. Dort befindet sich eine Kreuzung, die so dicht am Ziel liegt, dass der Kopf auf Ankunft gepolt ist; doch tatsächlich stehen noch neun Kilometer bevor. Schnaufend nehme ich die Abzweigung und konzentriere mich auf die positiven Aspekte: die zu laufende Restdistanz ist mittlerweile einstellig geworden. Solche Kleinigkeiten können beim Lauf tatsächlich recht erbaulich wirken.

Die sechs folgenden Kilometer wollen nicht purzeln. Sie laufen sich zäh und angestrengt. Beim Gedanken an die bevorstehende Endbeschleunigung zieht sich meine Stirn kraus. Aber so sehr es mir auch widerstrebt, so genau weiß ich doch: die Endbeschleunigung ist gar nicht so furchtbar. Die größte Hürde ist im Kopf. Bei sportlichen Herausforderungen wird der Kopf regelmäßig zum Gegenspieler. Das Unterbewusstsein und manchmal auch das Bewusstsein errichten mentale Barrikaden: „Du bist müde!“ oder „So wie du jetzt schon schnaufst, kannst du unmöglich noch beschleunigen!“ Aber genau das macht den besonderen Reiz am Langstreckenlaufen für mich aus: die eigene Willenskraft stählen und so über sich selbst hinaus zu wachsen.

In Sottrum leitet die Uhr den piependen Countdown zur Endbeschleunigung ein. Und gegen alle Widerstände renne ich los. Ay, das tut weh. Aber nur kurz. Nach 300 Metern dankt mir meine Beinmuskulatur die veränderte Belastung und ich kann sogar noch eine Schippe drauflegen. Gefühlt rase ich von Sottrum nach Stuckenborstel. Dabei passiere ich zwei Kohltour-Gruppen, die meine Präsenz eher irritiert wahrnehmen. Schade, es gab nämlich auch schon eine Kohltour-Gruppe vor ein paar Wochen, die mich durch Anfeuerungsrufe in eine Art Wettkampf-Modus versetzen konnten. Also: wenn Ihr demnächst mit Bollerwagen und Alkohol unterwegs seid, animiert doch bitte alle Teilnehmer zum Anfeuern, wenn ein Läufer angestrengt an Euch vorbei rennt!

Nach drei Kilometern gibt mir meine Uhr endlich vibrierend und piepsend das Signal, dass das Tempo reduziert werden darf. Die letzten 350 Meter trabe ich erschöpft aber zufrieden zum Haus meiner Eltern. Dort werde ich fröhlich von Jürgen und Fritz in Empfang genommen. Die konnten meinen Lauf über das Garmin-Live-Tracking bequem am Laptop mitverfolgen (und somit vielleicht auch ein bisschen vom Laufgefühl aufsaugen – toll, was die moderne Technik so alles kann!).

Unter’m Strich habe ich die ersten 32 Kilometer in 03:06:14 Stunden absolviert (entspricht einer Durchschnittspace von 05:49,19 min/km) und für die drei-Kilometer-Endbeschleunigung benötigte ich 13:07 Minuten (Durchschnittspace von 04:22,3 min/km). Der Lauf war super anstrengend, aber rückblickend auch erhebend und motivierend. Jetzt heißt es „Fleißig weiter trainieren“, denn am nächsten Wochenende weitet sich die Endbeschleunigung auf knackige sechs Kilometer aus!

Sportliche Grüße an alle Leser und gute Besserungswünsche an meinen Papa.

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