Der Weseruferpark bei Nacht (Jan Schlusnus)

Als (angehender) Langstrecken-Läufer muss man sich manchen Menschen gegenüber manchmal rechtfertigen, was der Antrieb zum Laufen solcher Distanzen ist. „Laufen ist doch furchtbar langweilig!“, bekommt man in solchen Gesprächen immer wieder aufgetischt… Auf die ganze Diskussion möchte ich gar nicht eingehen. Ich liefer‘ heute den Beweis, dass Laufen und Läufer keineswegs langweilig sind.

20180111-Hundejagd-Strecke
… was zur Hölle?!

Schaut man sich diesen Streckenverlauf an, fragt man sich wahrscheinlich zwangsläufig: „Was ist denn nun wieder in Jan gefahren?!“ Um das vorweg zu nehmen: nein, ich bin nicht auf Drogen Laufen gewesen. Nein, mich hat unterwegs nicht die Langeweile gepackt. Nein, quer über die Wiese in merkwürdigen Schleifen und mit kleinen Haken zu spurten ist nicht Teil meines Trainingsplans.

Wahrscheinlich finden nicht alle Beteiligten diese Geschichte so lustig wie ich, aber ich erzähle sie Euch trotzdem. Die Geschichte ist temporeich und handelt von Hilfsbereitschaft, Verspieltheit, Verzweiflung und einem furiosen finalen Ringkampf mit einem hartnäckigen Widersacher. Das passt nicht zusammen? Oh doch, ich beweise es Euch:

Donnerstag, 11. Januar 2018: Die zwei vorhergehenden Tage habe ich arbeitsreich in Fulda verbracht. Fulda ist übrigens ein wunderschönes, mittelalterliches Städchen und definitiv einen Besuch wert, soweit ich das bei meinem kurzen vier-Kilometer-Lauf durch die Innenstadt sehen konnte. Jedenfalls kam ich von meinem sehr intensiven Arbeitsausflug zurück nach Bremen und war ganz gut geschafft. Dennoch zog es mich am Donnerstag ins Büro. Es gibt schließlich mehr als genug zu tun. Doch nach einem erfolgreichen, langen Tag in Büro und Werkstatt widerstrebte es mir eigentlich, die Wohnung noch einmal zu verlassen. Der ganze Körper fühlte sich super schwer an, draußen war es kalt, ich war müde… aber ich hatte mir auch vorgenommen, noch zwölf Kilometer zu laufen, also war alles Genörgel überflüssig. Ich schlüpfte in meine frisch gewaschene Schlabberlaufhose (extra für Läufe im Dunkeln, wenn man nicht sehen kann, wie blöd ich in der bequemen Hose aussehe), streifte mir ein Langarmshirt über (ja, der Polarforscher-Look…), ergänzte das dunkle Outfit um diverse Reflektoren, einen zur Mütze geformten Buff für die Glatze und natürlich die Stirnlampe. Dann wahllos ein Paar Schuhe aus dem Regal gezogen, die Uhr auf GPS-Suche geschickt und schweren Herzens raus aus dem Haus. Brr. So kalt wie befürchtet war es gar nicht, aber meine Motivation stieg trotzdem nicht. Naja, die Uhr gab mir Signal, dass der Lauf beginnen darf, also stapfte ich los.

Die erste Runde im Weseruferpark drehte ich ereignislos mit einer sehr gemütlichen 06:30er-Pace und war völlig in Gedanken vertieft, als kurz nach Kilometer sechs plötzlich ein großer Hund um die Ecke geschossen kam. Nur Millisekunden nach dieser Sichtung tönte es an mein Ohr: „Entschuldigen Sie! Entschuldigen Sie…!“ Eine junge Frau kam auf mich zugelaufen und innerlich verdrehte ich die Augen in der Erwartung eines neuerlichen Vortrages, ich solle die Stirnlampe ausschalten, da diese den Hund verrückt mache – alles schon erlebt. Doch anstelle eines Vortrages blieb das Mädchen einige Meter vor mir keuchend stehen und sagte: „Können Sie mir bitte helfen den Hund wieder einzufangen? Er hat sich losgerissen und ich kann nicht mehr…!“ Ihre Stimme war ein bisschen brüchig und sie schien mit den Nerven am Ende zu sein.

Auch wenn ich mich selbst manchmal als Egoisten und Schlecht-Menschen betrachte, kann man mir Hilfsbereitschaft und Offenheit nicht aberkennen. Nicht eine Sekunde stand für mich zur Debatte, die Bitte auszuschlagen. „Versprechen kann ich nichts, aber ich will mein Bestes versuchen“, antwortete ich und machte eine Kehrtwende. Ich zog das Tempo deutlich, aber nicht übermäßig an. Aus meiner Sicht würde ich den Hund nicht im Sprint überwältigen. Der Hund – übrigens ein kräftiger Schlittenhund – kann in jedem Fall schneller rennen als ich und ist aller Wahrscheinlichkeit nach auch deutlich ausdauernder. „Wenn ich die Herausforderung meistern möchte, dann muss ich dran bleiben und hoffen, dass der Gejagte einen Fehler macht“, plante ich.

Wir rannten am Sandstrand des Parks vorbei und verließen den asphaltierten Weg nach links auf die große Wiese. Der Boden war aufgeweicht und meine Schritte mussten bedacht gewählt werden. Der Hund blickte sich im Laufen munter schwanzwedelnd um. Ihm stand der Schalk ins Gesicht geschrieben. Für ihn war die ganze Rennerei ein herrliches Spielchen. Am Ende der Wiese lief der Hund einen kleinen Bogen und versteckte sich hinter einer der ausrangierten Schifffahrtsbojen. Ich täuschte an, die Boje im Uhrzeigersinn zu umrunden und er sprang freudig mit, sodass das Hindernis zwischen uns blieb. Also lief ich gegen den Uhrzeigersinn, was auch den Hund in diese Richtung bewegte. Nach einer vollen Runde tobte er weiter über die Wiese. Mit zehn Metern Vorsprung erlaubte er sich einen kurzen Schnüffelstopp, der mir gestattete, ihm sehr nahe zu kommen. Ich streckte meine Hand nach der Leine, doch die war so kurz angebunden, dass ich sie unmöglich greifen konnte. Schnellen Schrittes setzte der Hund seine Flucht mit einer 180°-Wendung fort und baute sich zügig wieder eine fünf Meter Führung auf. Unvorsichtigerweise ließ er zu, dass ich ihm erneut zum Greifen nah kam. Da die Leine ein vergebliches Ziel war, packte ich ihn mit beiden Händen an der Hüfte, doch aus meinem Griff konnte er sich spielend herauswinden. Die Berührung war ihm aber in jedem Fall eine Warnung, denn nun zog er das Tempo noch einmal deutlich an.

Meine Uhr vermerkte den ersten Kilometer der Verfolgung und ich musste mir eingestehen, dass ich das Tempo definitiv nicht mehr lange durchhalten würde. Nun kam zum Lauf auch noch eine taktische Komponente dazu, denn der Hund bewegte sich zunehmend in Richtung Wohngebiet und Straße. Um ihn insbesondere von der Straße fern zu halten, musste ich stellenweise eine kleine Schippe Geschwindigkeit zulegen, um ihm den Weg abzuschneiden.

Nach einer kleinen Schleife über den leer gefegten Parkplatz des Weseruferparks, trabte der Hund am Rande des Parks auf dem kleinen Deich entlang des Wohngebiets. Allmählich fragte ich mich, ob ich die Besitzerin wohl wiederfinden würde, wenn ich den Hund irgendwo in der Stadt stellen könnte. Und genau während dieses Gedankens signalisierte mir die Körpersprache des Hundes meine Chance. Auf einen sehr vorsichtigen Schulterblick folgte eine Verlangsamung des Tempos. Er blieb stehen und hockte sich zum Pinkeln hin (wobei das Hinhocken doch eher für eine „Sie“ spräche). „Jetzt bloß keinen Fehler machen“, dachte ich. Mit drei großen Schritten erreichte ich den Pinkelnden. Die Leine war nicht sichtbar, also packte ich den Hund wieder mit beiden Händen an der Hüfte. Dieses Mal energischer, doch darauf alleine wollte ich mich nicht verlassen. Während meiner drei großen Schritte hatte ich mein Tempo kaum vermindert und so nutzte ich die Restkraft, um den Hund von den Beinen zu stoßen (das Pinkeln hatte er in dieser Situation bereits wieder aufgegeben) und mich auf den Hund zu werfen. Der unter mir Liegende wandt sich und fand diese Wendung des Spiels überhaupt nicht witzig, was er lautstark jaulend bekundete. Nachdem ihm das nichts brachte, wollte er mich ganz gerne zerbeißen, was ihm sein Maulkorb aber verwehrte. In der Zwischenzeit konnte ich das Leinchen finden, nehmen und mich danach vom Hund erheben. Der rapelte sich wieder auf, war aber immernoch am Schmollen und versuchte, an meinen Schuhen zu knabbern.

„Ich habe ihn!“, schrie ich keuchend und fragte mich noch während des Ausrufs, was wohl die Nachbarn gerade denken und was passieren könnte, wenn das Mädchen mich veralbert hat und das gar nicht ihr Hund war. Doch einige Sekunden später kam sie angelaufen und war überglücklich. Wir stellten einander vor und sie bedankte sich vielfach bei mir. „Ich glaube, dann sind Sie für heute genug gelaufen, oder?“, fragte sie. Ich blickte kurz auf meine Uhr und entgegnete: „Leider habe ich erst siebeneinhalb Kilometer, also muss ich noch ein bisschen.“ Wir wünschten einander einen schönen Abend und ich lief den Rest meiner Parkrunde in entgegengesetzter Richtung.

Meine frisch gewaschenen Klamotten stanken nach nassem Hund, aber schließlich absolvierte ich meine zwölf Kilometer und kam erstaunlich gut gelaunt in meiner Wohnung an. Laufen ist nicht langweilig, das ist nun jawohl bewiesen! Wer läuft und sich fit hält, der kann strategisch einen Schlittenhund bezwingen… zur Not auch im Bodenkampf nach einer unlauteren Attacke. Von einem solchen Erlebnis kann man nicht alle Tage erzählen. Mir hat dieser unerwartete Zwischenfall eine Menge Freude bereitet und ich hoffe, die Geschichte konnte Euch auch ein wenig erheitern. Zum Schutz der Privatsphäre der Beteiligten habe ich auf ein paar Details wie Hunderasse oder Namen verzichtet.

2 Antworten auf „Der Weseruferpark bei Nacht (Jan Schlusnus)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s