Silvester-Lauf 2017 in Stuhr-Fahrenhorst (Jan Schlusnus)

Jeder hat so seine Rituale für den letzten Tag des Jahres. Der Eine stürzt sich in die letzten Vorbereitungen für die große Feier am Abend, der Nächste verkrümelt sich und will bloß nichts unternehmen… Wir Schlusnüsse lassen das Jahr gerne sportlich ausklingen. Im letzten Jahr liefen Max und Jürgen zum ersten Mal beim Silvester-Lauf in Stuhr-Fahrenhorst. Dieses Jahr war auch ich mit von der Partie.

Bei den letzten Wettkämpfen musste ich aussetzen, da mir Anfang Dezember bei einem Trainingslauf plötzlich und unversehens ein stechender Schmerz durch das Knie schoss. Diese Gelenkschmerzen begleiten mich seither durch den Alltag und machen mir hin und wieder schlechte Laune. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass sich solche Probleme prima rauslaufen lassen, darum habe ich brav mein Training auf langsam, kurz und schonend umgestellt. Und nun, am 31. Dezember 2017, stehe ich wieder am Start, obwohl die Gelenke noch nicht wieder 100%ig auf Vordermann gebracht sind. Ob das eine gute Idee war?

Beim letzten Wettkampf habe ich Jürgen und Max als Supporter begleitet. An jenem Laufmorgen stellte ich fest, dass der stille und unbeteiligte Beobachter auch eine sehr angenehme Rolle ist. Man kann bequem kurz vor der Abfahrt frühstücken und dabei beobachten, wie eine gewisse Hektik um sich greift. Diese Rolle habe ich nun nicht mehr inne und ich frage mich: habe ich mir die Rolle des Beobachters vielleicht ein bisschen schön geredet? Meine Lauftasche ist gepackt, gefrühstückt habe ich auch und von Hektik ist weit und breit keine Spur. Alles was da ist, ist die stetig steigende Vorfreude. Aber vielleicht profitiere ich auch nur davon, dass der Start mit 13:35 Uhr verhältnismäßig spät terminiert ist.

Pünktlich um zwölf Uhr sind alle da. Max ist gerade mitten in einer Erzählung, als sein Handy klingelt. „Moin Marcus, alte Socke!“ Beim Namen ‚Markus‘ spielt sich in Jürgens Gesicht kurz das übliche Schauspiel ab: Entsetzen, Panik, Suche nach Fluchtmöglichkeiten. Aber das richtet sich nicht gegen Max ehemaligen Kommilitonen. Max ist derweil in den Flur geschlendert und brüllt: „Bin ich auf Lautsprecher?“ … „Alles klar! Dann halte ich mich mit meiner Ausdrucksweise ein bisschen zurück!“ Ja ja, Max und Marcus… wer einem Gespräch der Beiden lauscht, kann sich über männliche Lyrik vom Feinsten freuen. Ich verfolge amüsiert das Telefonat – oder zumindest Max Teil der Konversation… die andere Hälfte reime ich mir zusammen – und stelle plötzlich fest: Jürgen ist weg. Mist. Wir waren doch im Begriff, uns auf den Weg zu machen. Doch wir liegen gut in der Zeit. Ich mache es mir am Küchentisch bequem und nach ein paar Minuten neigt sich das Gespräch von Max dem Ende zu und auch Jürgen taucht irgendwann wieder auf. Wir machen uns auf den Weg.

Egal wie pünktlich man zu einem Wettkampf fährt, auf den Parkplätzen ist immer die Hölle los. Und stets höre ich in dieser Situation von Jürgen, von Max und manchmal auch von Beiden aus einem Mund: „Wir fahren nach ganz vorne. Letztes Mal war da auch noch etwas frei.“ Manch einer liest das und verdreht vielleicht die Augen, so wie ich es manchmal tue. Aber erstaunlich ist, dass die Beiden immer Recht behalten. So wie wir bei den letzten Wettkämpfen passable Parkplätze in angenehmer Geh-Reichweite gefunden haben, so finden wir auch an diesem Tag einen prima Parkplatz direkt am Eingang. Erstaunlich.

Die Abholung der Startunterlagen funktioniert problemlos und schnell. Wir ziehen uns am Auto um und ich stelle fest: so mild die Temperaturen auch sein mögen… ist man nur noch in Boxershorts gekleidet, verfliegt der Gedanke „Ich laufe heute kurz“ enorm schnell wieder. Aber die endgültige Entscheidung muss ja noch nicht fallen. Erst einmal laufen wir uns mindestens zwei Kilometer warm und dann kann man immer noch ablegen. Wir traben also los. Max und Jürgen zeigen mir die Strecke. Nach nicht einmal einem Kilometer zwickts im Knie. Nicht die besten Vorzeichen, aber wann entwickelte sich ein Lauf schon nach dem Gefühl davor? Selten, genau. So sieht Jürgen das auch und schlussfolgert logisch: „Ich fühle mich katastrophal. Heute könnte eine Bestzeit drin sein. Vielleicht sogar Streckenrekord.“ Die letzte Aussage kann man getrost als Übertreibung interpretieren, aber einige der uns umgebenden Läufer schauen trotzdem schockiert zu uns herüber.

Nach 2,7 langsamen Kilometern durch den Wald, durch Schlamm (viel Schlamm), gegen den Wind (starker Wind) und mit einer kurzen Pinkel-Pause frage ich mich wieder: „War es eine gute Idee, sich zum Wettkampf anzumelden?“ So richtig gut fühlt sich das Laufen nicht an. Im Gegenteil. Aber jetzt bin ich hier und nicht antreten kommt für mich überhaupt nicht in Frage.

Wir sind mittlerweile wieder am Auto angekommen und ich fasse mir ein Herz: wenigstens oben herum laufe ich kurz. Vom Platz tönt es aus den Lautsprechern und warnt mit einer Pokerface-Stimme: „Passt unterwegs gut auf euch auf. Es gibt viele Stolperstellen auf der Strecke. Ich soll auf eine gefährliche Stelle hinweisen. Wenn ihr den Platz verlasst, seid bitte besonders vorsichtig. Dort ist eine Unebenheit.“ Dann kommt der Countdown und der viereinhalb-Kilometer-Lauf startet. Noch fünf Minuten, dann geht es auch für uns los. Wir begeben uns zum Start. Dort treffen wir auf Jürgen und Harald, Lauf-Konkurrenten / -Freunde von Jürgen. Ein kurzes Pläuschchen, dann bricht die letzte Minute an. Max positioniert sich ein wenig weiter vorne und ich reihe mich neben ihm ein.

Der Startschuss fällt und alle rennen los. Und zwar deutlich schneller, als ich es gewohnt bin. Der Startbereich ist sehr breit und so konnten sich alle Läufer in wenigen Reihen aufstellen. Dementsprechend prescht das ganze Feld mit einem beeindruckenden Tempo los. Doch am Ende des Platzes müssen alle Läufer eine etwa zwei Meter breite Passage durchqueren (ein winziger, bewachsener Wall… man könnte es aber auch eine „Unebenheit“ nennen) und so staucht sich das erst noch breite Läuferfeld mit jedem zurückgelegten Meter weiter zusammen. War ich an der Startlinie noch auf einer Höhe mit Max, befinden sich 60 Meter später mindestens 20 Leute zwischen uns. „Gut“, denke ich mir. „Du wolltest ohnehin auf Sparflamme laufen.“ Also füge ich mich der Masse und lasse Max ziehen. Zehn Sekunden später ist er nicht mehr zu sehen. Aber Jürgen ist bei mir. Gemeinsam laufen wir etwa einen halben Kilometer. Dann nutze ich eine kurze Lücke in der Läuferwand vor uns und sehe ihn für den Rest des Laufs nicht wieder.

Nach einem Kilometer muss ich erschrocken zur Seite springen: um ein Haar wäre ich in einen der langsameren viereinhalb-Kilometer-Läufer gerannt. Ich samm’le mich und fokussiere mich auf die Strecke. Die wird gerade durch den Matsch und die Traktor-Spuren anspruchsvoller und es tauchen weitere langsamere Läufer auf. Ich fühle mich, wie im Computer-Spiel „Highway Pursuit“ und muss mich bremsen, um nicht zu schnell zu werden. Nach eineinhalb Kilometern teilt sich die Strecke. Die Kurzstreckler laufen nach links, die Mittel- und Langstreckler laufen weiter geradeaus. Ausgeschildert war das nicht, da war bloß ein mit zwei Fähnchen fuchtelnder Mensch. Sicherheitshalber frage ich die zwei Jungs vor mir: „Bin ich für die neuneinhalb-Kilometer-Strecke gerade richtig gelaufen?“ Zustimmendes Grunzen. Prima. Ich hüpfe zwischen den Beiden hindurch und sause bergab ins Dorf.

Ein kurzer Blick auf die gerade vibrierende Uhr an meinem Handgelenk verrät mir: ich bin zu schnell unterwegs. Mit Müh‘ und Not bremse ich mich. Und zum ersten Mal in meinem Leben langweile ich mich beim Laufen. „So nicht“, sage ich mir und werfe die Bedenken über Bord. Also nehme ich wieder Fahrt auf und fühle, wie ein wohliges Glücksgefühl meinen Körper durchströmt. Nach drei Kilometern meine ich, am Horizont eine Glatze ausmachen zu können. Das könnte jeder sein, aber mein Gefühl sagt mir: das ist Maxe.

Irgendwo kurz hinter Kilometer vier überhole ich einen jungen Mann, der gerade eine Gehpause einlegt. „Komm‘, halt durch!“, rufe ich ihm ermutigend zu: „Die Hälfte haben wir gleich.“ Kurz darauf endet die asphaltierte Strecke und wir betreten einen gut befestigten Waldweg. Der Duft nach frisch geschlagenem Nadelholz steigt mir in die Nase und beschwingt von der mich umgebenden Natur schließe ich zum nächsten kleinen Lauftrüppchen auf. Zwei Männer und eine junge Frau. Die laufen ein flottes Tempo und ich brauche eine Weile, bis ich in ihrer Reichweite bin. Doch kaum bin ich in Hörweite und vernehme das mühevolle Schnaufen von einem der Männer, packt mich der Eifer. Wer so schnauft hat hinter mir zu laufen.

Mein Blick ist weiter nach vorne gewandt. Nach wie vor ist in weiter Ferne ein Mann mit Glatze und schwarzem Outfit zu sehen – eindeutig Max. Aber irgendwie komme ich ihm kaum näher. Ich überschlage kurz, warum das so ist und stelle fest, dass sich eine Distanz von etwa neuneinhalb Kilometern und eine Pace von 4:16 Minuten pro Kilometer beim Laufen eher schlecht als recht rechnen lässt. Ich schieb’s darauf, dass ich gelernter Bankkaufmann bin und dementsprechend ein Anrecht habe, meine Rechnungen mit dem Taschenrechner oder aufwändigen Programmen durchzuführen.

Wann genau der Matsch anfing und wie schnell er seinen Höhepunkt fand, weiß ich nicht mehr so genau. Plötzlich ist der Weg jedenfalls kein gut befestigter Waldweg mehr. Jetzt ist es eine aufgeweichte Schlammkuhle. Jeder Schritt will nun sorgfältig platziert werden. Wenn sich mir die Möglichkeit bietet, hasche ich einen kurzen Blick auf die vor mir liegende Strecke. Und tatsächlich bin ich Max in diesem Pfützen- und Schlamm-Mienenfeld deutlich näher gekommen. Irritiert frage ich mich, was er da für einen merkwürdigen Weg läuft, doch 50 Meter später klärt sich das auf: der Weg ist hier auf der ganzen Breite nicht passierbar und die Spuren der Läufer führen ein kurzes Stück in den Wald und dann zurück auf die Strecke. Im herausfordernden Zick-Zack-Kurs jage ich durch den Wald und hole wieder eine kleine Läufer-Truppe ein.

Eine sehr lustige Szene in diesem abenteuerlichen Spießrutenlauf durch das Schlamm-Areal bietet sich, als 20 Meter vor mir eine Läuferin plötzlich stehen bleibt, auf einem Bein stehend einen Sprung zurück macht und mit dem anderen Fuß vorsichtig in der Schlamm-Pfütze zu stochern beginnt. Meine Irritation weicht schnell der Erkenntnis: beim Laufen ist der rechte Schuh im Schlamm stecken geblieben. Den gilt es nun zu befreien. Das schafft sie auch in einem beeindruckenden Tempo und ist dann schnell wie der Wind wieder auf Kurs. Respekt, liebe Janina, dass Du Dich von diesem Zwischenfall überhaupt nicht hast aus der Ruhe bringen lassen!

Kilometer acht: den Traum, Max im Endspurt ein bisschen in Bedrängnis zu bringen, muss ich auf den letzten Schlamm-Metern zu den Akten legen. Mein Tempo habe ich in dem anspruchsvollen Wegstück zwar einigermaßen halten können, aber das ging sehr zulasten meines Knies und meines Kreislaufs. Mein Puls ist enorm in die Höhe geschnellt und um Max tatsächlich zu kriegen, hätte es noch eine Tempo-Schippe mehr gebraucht. Also konzentriere ich mich auf meine Atmung und behalte das Tempo bei. Kurze Zeit später geht der Waldweg in eine befestigte aber unwegsame Schotterpiste über. Der Weg hat ein ganz nettes Gefälle. Normalerweise ist bergab laufen nicht so mein Fall, aber jetzt donnere ich wie ein Bekloppter gen Ziel. Hier habe ich laut meiner Lauf-Uhr meine Spitzengeschwindigkeit von etwa 24 km/h erreicht… Der Läufer vor mir nimmt mein Heranstürmen wahr und liefert eine Glanzleistung als Endspurt-Kontrahent. Aber als wir gemeinsam auf die Wiese einbiegen und das Ziel nur noch maximal 60 Meter entfernt ist, wird er deutlich langsamer. „Bleib‘ dran, wir sind fast im Ziel!“, rufe ich ihm noch zu. „Kann nicht. Kotz‘ gleich.“, ist seine Antwort. Also presche ich alleine ins Ziel und schließe den Lauf in 40:52 Minuten ab. Damit war ich genau 19 Sekunden langsamer als Max, der mich keuchend und ein bisschen verdattert anschaut. „War klar, dass du keine 50 Minuten läufst!“ Stimmt, als man mich auf dem Hinweg fragte, gab ich 50 Minuten als Zielzeit an. Tja, da war ich wohl doch schneller.

Max und ich hatten gerade den ersten Becher heißen Tee getrunken und einen neuen Becher gegriffen, da stolpert Jürgen mit reichlich Tempo die „Unebenheit“ zum Zieleinlauf hinunter. Man sieht Jürgen beim Zieleinlauf oft verbissen, aber so angestrengt und konzentriert habe ich ihn noch nie erlebt. Schnell wird mir klar, weshalb er so fokussiert ist. Wenige Meter vor ihm rennt sein Lauf-Konkurrent / -Freund Harald. „Gib Gas, Papa! Das schaffst du!“ Und tatsächlich beschleunigt Jürgen noch einmal sichtbar, aber Harald lässt sich den Sieg nicht nehmen. Auch er beschleunigt und durchquert das Ziel als Erster. Ein Wahnsinns-Duell!

20171231-Strecke
Die Laufstrecke

Beim Auslaufen überkommt mich Freud‘ und Leid… Freude über einen tollen, spaßigen Wettkampf und über die gerade noch geknackte 2.000 Jahreskilometer-Marke… Leid, weil das Knie nun doch eher ein mauliger Wegbegleiter ist. Aber das wird schon noch wieder. Es muss werden. Schließlich steht uns – dem Knie und mir – in 2018 einiges bevor.

Hier könnt Ihr übrigens nachlesen, was wir 2017 als Läufer erlebt haben.

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