Syker Cross-Halbmarathon (Jan Schlusnus)

Sonntagmorgen, 08:00 Uhr. Mein Wecker klingelt. Aufgeschreckt vom infernalischen Krach, schießen mir die drei allmorgendlichen Fragen durch den Kopf: „Wer bin ich? Wo bin ich? Was soll der Lärm?“ Bisher habe ich die ersten beiden Fragen jeden Morgen recht schnell beantworten können. Bei der dritten Frage hapert es manchmal. Aber nicht am heutigen Tage. Es ist Sonntag, der 17. Dezember 2017. Heute findet das große Finale der Cross-Serie in Syke / Weyhe statt. Teilgenommen haben wir an der Laufserie nicht, aber dieser Lauf wurde von Max und Jürgen bereits im Vorjahr absolviert und da für ganz bezaubernd befunden. „Den laufen wir nächstes Jahr wieder und dann machst du auch mit, Jan!“ Tja, da lagen wir leider daneben. Beim Training gab’s bei mir kürzlich einen kleinen Zwischenfall – nichts weltbewegendes – und ich darf zwei Wochen etwas kürzer treten. Das ist sehr ärgerlich; insbesondere, nachdem unser Marathon-Vor-Vorbereitungsplan gerade begonnen hat… aber ich versuch’s positiv zu sehen: besser zu Beginn der Vor-Vorbereitung als eine Woche vor dem großen Marathon.

Heute gehen also nur Max und Jürgen an den Start. Aber trotzdem lasse ich mir nicht nehmen, sie zu begleiten und anzufeuern. Und nachdem die Aufnahmen der Kamera bei unserem Cooper-Test am 02. Dezember 2017 im Nachgang für viel Freude sorgten, war dieses Gadget bei unserem Ausflug mit von der Partie. Lotti war als Supporterin auch tatkräftig dabei.

Es folgt eine Geschichte über Weihnachtslieder, Blödeleien, Irrwege, Glatteis und Matsch. Und dazu gibt es ein Video. Das solltest Du Dir nicht entgehen lassen.

Als Ausnahme kann es auch seine Vorzüge haben, als Zuschauer zu einem Wettkampf zu fahren. So konnte ich mich am Vorabend ohne schlechtes Gewissen am Glühwein laben und aufwärmen. Zum Frühstück muss man auch nicht unchristlich früh aufstehen; man kann ganz bequem eine halbe Stunde vor Abfahrt in der Küche sitzen und sich irgendeinen süßen Schweinkram einverleiben, während das Sachen suchen und packen sowie das Abarbeiten der „Vor dem Wettkampf“-to-do-Liste der Anderen als Unterhaltungsprogramm dient. Es gibt ja Läufer, die packen ihre Sachen am Abend vor dem Lauf. Diese Läufer sind vermutlich auch routiniert genug, genau zu wissen, was dabei sein muss. So läuft das im Hause Schlusnus nicht. Da läuft man nervös auf und ab, fragt vielfach „Hab‘ ich jetzt alles?“ und verbreitet dabei ein gesundes Maß an Hektik. Für einen Unbeteiligten: sehr unterhaltsam.

Max erscheint wie immer sehr pünktlich und – ebenfalls wie immer – mit einer beeindruckenden guten Laune. Kaum ist er raus aus dem Auto, beginnen die Faxen. Es wird der Tag kommen, da passiert ihm bei seinem wilden Herumgespringe etwas. Aber toi toi toi, bisher hat er das unbeschadet überstanden. Für den heutigen Tage muss ich sagen: Respekt. Ich verlasse als Letzter das Haus und wäre um ein Haar der Erste gewesen, der es wieder betritt. Direkt auf der ersten Treppenstufe rutsche ich weg und kann mich nur mit Mühe wieder fangen. Obacht: es ist glatt! Sehr glatt.

Die Kernerkenntnis der Fahrt müsste wohl sein, dass es in der Vorweihnachtszeit unmöglich ist, einen Radiosender zu finden, der sich nicht darauf festgelegt hat, „die größten Weihnachtshits aller Zeiten“ zu spielen. Man springt von Sender zu Sender, nicht jedes Weihnachtslied wird gleich als solches entlarvt und auch das ein oder andere Nicht-Weihnachtslied stößt bei uns nicht unbedingt auf Gegenliebe… vielleicht brauchen wir noch eine Mix-CD mit motivierender Musik für die Fahrt zum Wettkampf? Seit diesem Tag definitiv eine Überlegung wert.

Wie vor so vielen Wettkämpfen berichtet Max, man könne den vor uns liegenden Lauf auch als Norddeutsche „Meisterschaft im Berglaufen“ bezeichnen. Faszinierend, wo die so überall stattfinden… und wie oft in einer Saison. Aber man möge es uns Nordlichtern nachsehen: wer Autobahn-Brücken als „Autobahn-Berge“ bezeichnet, der darf jeden Lauf im hügeligen Terrain als Berglauf-Meisterschaft betrachten.

Nach unserer langen, unfreiwillig weihnachtlichen Tour kommen wir endlich in Syke an. Hier ist eine ganze Menge los. Deutlich mehr, als ich erwartet habe. Bereits einige 100 Meter vor der Ankunft ist die Straße beidseitig (zum Großteil ziemlich bescheuert) dichtgeparkt. Ich erahne einen langen Fußmarsch, aber Max und Jürgen sind sich einig: „Letztes Jahr konnten wir auch ganz oben parken!“ Also fahren wir ganz nach oben. Wirklich Platz war dort oben nicht. Aber hey, der Boden ist gefroren, da kann man auch im Unterholz parken ohne Gefahr zu laufen, sich dabei festzufahren.

Max und Jürgen melden sich für den Lauf an, Lotti und ich inspizieren ein bisschen die Konkurrenz und die Strecke. Obwohl noch kein Lauf gestartet wurde, ist bei einigen Kindern das Geschrei groß… „Der Typ mit dem gelben Oberteil hat meine Tochter abgedrängt!“ Merkwürdig. Wann denn? Und wo denn? Mit dem Bobby-Car auf dem Weg hierher? Als guter schlechter Mensch setze ich mein Pokerface auf und lache nur innerlich.

Der Lauf rückt unbarmherzig näher. Mittlerweile sind wir wieder beim Auto und die Jungs schlüpfen in ihren Läufer-Dress. Wobei… Jürgen hat die meisten Klamotten schon an und so steht Max alsbald alleine am Auto (zum Teil auch etwas merkwürdig ans Auto gelehnt) und zieht sich in aller Seelenruhe um. Aber dann ist es soweit: mit einem theatralischen Schrei schlüpft Max in seinen linken Schuh und es kann losgehen. Jürgen und Max drehen eine Runde zum Warmlaufen, Lotti und ich stürzen uns ins Getümmel. Mit einem Mal trotten alle um uns Stehenden auf den Platz und begeben sich zum Start. Lotti und ich machen mit. Wir wollen schließlich einen guten Ort zum Anfeuern und Filmen finden. Nachdem wir einmal quer über den Platz gedackelt sind, fragen wir uns, wo die Läufer wohl starten und wo sie entlang laufen werden. Der von uns ausgemachte Punkt zum Verlassen des Sportplatzes wird noch von eifrigen Kinder-Läufern in Anspruch genommen. Ein kurzer Kontrollblick zur Menschentraube aus Halbmarathon-Startern bestätigt: wenn die wissen, was sie tun, dann zeigen sie es nicht. Man geht auf und ab, bleibt stehen, dreht sich um… dann wird eine lange Rede über ein Megafon gehalten. Lotti und ich nutzen die Zeit, um an einen Ort zu gelangen, den die Läufer in jedem Fall passieren müssen. Und kaum sind wir an Ort und Stelle, trillert eine Pfeife und die Läufer setzen sich in Bewegung.

Bis Jürgen und Max an uns vorbeikommen, dauert es. Ich kenne viele Läufer, die sich bei der Startaufstellung zu weit nach vorne stellen… die Schlusnüsse gehören nicht zu dieser Kategorie. Nach jedem Lauf wird ganz selbstkritisch festgestellt, man habe sich deutlich zu weit nach hinten gestellt und darauf müsse man beim nächsten Mal achten. Aber beim nächsten Lauf wird es wieder ganz genauso gemacht. Vermutlich ist das gute Gefühl, so viele andere Läufer zu überholen unterbewusst einfach zu wertvoll und der Gedanke, zu weit vorne zu stehen und nur überholt zu werden, bringt das Ego ins Wanken.

Nach eineinhalb Runden auf dem Sportplatz verlässt das Läuferfeld, souverän angeführt von Sebastian Kohlwes, den Platz und begibt sich auf den ausgedehnten Rundkurs von Syke nach Weyhe und zurück. Ein Läufer wird von einem Zuschauer aus der Menge gerufen: „Benji, komm‘ raus! Das ist der Halbmarathon-Lauf!“ Hupsa… da hat Benji aber Glück gehabt, dass sein Kumpel ihn gesehen hat. Der hätte sich im Führungsfeld doch schwer gewundert, wenn seine Kraft bei Kilometer sieben allmählich versiegt, aber der Sportplatz noch nicht wieder in Sicht ist.

Während Max und Jürgen also auf großer Tour sind, schauen Lotti und ich uns den Start des kurzen Laufs an. Als alle Läufer den Platz verlassen haben, entscheiden wir uns, einen kleinen Spaziergang zu machen und die Gegend ein bisschen zu erkunden. Man kriegt ja von seinem modernen Spielzeug – in diesem Fall meine Laufuhr – Tageszielvorgaben… und Ärger, wenn man sich zu lange nicht bewegt. Also ist ein Spaziergang genau das Richtige: Ärger vermeiden und dem Tagesziel näher kommen. Und das Beine vertreten hat sich gelohnt. Die Wälder dort zwischen Syke und Weyhe sind wirklich sehr schön. Ich kann verstehen, dass Max und Jürgen von dem Lauf so begeistert sind – als passionierter Landschaftsläufer und Naturliebhaber wird man hier auf jeden Fall angesprochen.

Etwa bei Kilometer fünf des kurzen Laufs stehen Lotti und ich dann an der Strecke und feuern die Läufer an. Eine Läuferin wird von einem begeisterten, jungen Hund begleitet, der euphorisch zu mir kommt und nach Aufmerksamkeit verlangt. Meine Aufmerksamkeit hat er auch kurz, aber dann gilt sie wieder den Läufern – oder jetzt im Speziellen: der Läuferin… Die ruft einmal kurz nach dem Hund, kümmert sich aber nicht weiter, als dieser nicht kommt. „Ohje“, sage ich mir in der Befürchtung eines großen Frauchen-Hund-Dramas und versuche, den Hund zum Aufholen zu animieren. Keine Chance. Seine Augen werden nur groß, schauen mich an und er wackelt erst zögerlich, dann mit zunehmender Begeisterung mit dem Schwanz. Wenn er sprechen könnte, er würde mich wohl im Stile des Hunds im Film „Ab durch die Hecke“ fragen: „Spielen?“ Es nützt also alles nichts, Lotti und ich geben dem Hund, der jetzt gar keine Anstalten mehr macht, sich irgendwie für Laufen begeistern zu können, Begleitschutz zum Ziel. Zurück zu Frauchen.

Wieder auf dem Sportplatz angekommen, vermisst niemand einen Hund. Aber vom Top-Läufer zum eher gemütlichen Jogger kennt jeder diesen Hund: „Ja, der hat mich ein Stück der Strecke begleitet.“ Nanu? Dann war das gar nicht sein Frauchen? Mist. Aber der Hund buhlt bereits bei anderen Menschen um Aufmerksamkeit und bekommt diese auch. Außerdem hat er ein GPS-Ortungsgerät am Halsband, also wird sein Herrchen oder Frauchen ihn schon wieder finden.

Auf dem Sportplatz herrscht derweil eine merkwürdige Stimmung. Einige Läufer sind genervt, ein paar andere amüsiert und einige Zuschauer sind in großer Sorge. Irgendwas scheint beim Lauf schief gegangen zu sein. Nur die Führungsgruppe hat die richtige Runde absolviert und alle folgenden Läufer haben die unterschiedlichsten Umwege zum Ziel genommen. Die Einen berichten von sieben Kilometern, Andere erzählen, sie seien beinahe neun Kilometer gelaufen. Ein Mädchen im Teenager-Alter erreicht das Ziel und fällt fast Schluchzend ihrer Mutter in die Arme. Zwei ungeplante Kilometer können eine ganz schöne Tortur sein. Aber wie kam es dazu, dass sich fast alle Läufer verlaufen haben? Abgesehen davon, dass die Markierungen (die ich gesehen habe) reichlich vorhanden und gut sichtbar waren, besteht das Läuferfeld doch zu 90% aus Wiederholungstätern, die die Strecke bei Weitem nicht zum ersten Mal laufen. Ich spreche mit ein paar Läufern und besonders die Wiederholungstäter nehmen den Irrlauf mit Humor: klar kenne man die Strecke, aber biegst Du links ab, wenn Dein Vordermann und der davor geradeaus laufen? Das verunsichert und der Herdentrieb gewinnt die Oberhand. Der Lauf wird schließlich aus der Serienwertung genommen.

Nun frage ich mich, ob die Halbmarathon-Läufer vielleicht auch von der Strecke abgekommen sind. Während ich noch wild spekuliere, mit wievielen zusätzlichen Kilometern Max und Jürgen wohl ins Ziel kommen werden, donnert Sebastian Kohlwes um die Ecke, pflügt durch den mittlerweile eher an einen Schweineauslauf erinnernden Sportplatz und schließt den Halbmarathon mit großem Abstand als Sieger ab. Glückwunsch zu diesem tollen Lauf!

Nach und nach trudeln weitere Läufer ein und meine Sorge, man könne sich verlaufen haben, legt sich. Lotti und ich suchen uns ein feines Plätzchen an der Zielgeraden und feuern die Läufer an. Die ersten zehn Läufer sind unglaublich verbissen unterwegs und nehmen uns gar nicht wahr. Aber danach wird unser Applaus dankbar und mit einem Lächeln im Gesicht angenommen. Und ehe wir uns versehen, läuft Max auf dem Sportplatz ein. Häufig habe ich bei Läufen so meine Schwierigkeiten, Max zu finden… schlicht-schwarze Klamotten, eine Glatze und ein Bart sind irgendwie kein Alleinstellungsmerkmal. Aber heute trägt Max einen Buff auf dem Kopf, den er beim letzten Schuhkauf geschenkt bekommen hat. Dieser Buff in grün-gelb sticht mir stets ins Auge und so erkenne ich Max ausnahmsweise relativ früh.

Max absolviert seinen Lauf in 01:38:02 Std und Jürgen folgt mit 01:47:06 Std. Max ist sehr zufrieden mit seinem Ergebnis, Jürgen eher mäßig. Im letzten Jahr war er schneller, obwohl es da schwer gestürmt hat. Letztlich ist aber auch dieser Umstand egal und wird mit einem „Tja, ich werde wohl doch älter“ abgetan. Allerdings wundert man sich, wie sehr viele Läufer vor Matsch zurückschrecken. Jürgen und Max hat der Matsch unterwegs offensichtlich nicht geschreckt. An ihren Beinen sieht man mehr verkrusteten Schlamm als Haut.

Beim wärmenden Tee nach dem Lauf trifft Jürgen auf Jürgen. Die beiden Jürgens kennen sich aus einem anderen Läuferleben und sind seit jeher am Ringen um den ersten Platz in ihrem privaten Wettstreit… naja, zumindest aus der ehrgeizigen Perspektive von Jürgen Schlusnus. Aber sportliche Konkurrenz besteht natürlich nur im Wettkampf und jetzt, nach dem Lauf, kann man sich nett unterhalten. Wie es Jürgens Art ist, spricht er seine Gedanken ungehemmt aus: „Sag‘ mal, hast du Asthma oder sowas? Wenn du läufst, das hört man so richtig!“ Hihi, so ist er, unser Jürgen.

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