Träume vom Sommer (Jan Schlusnus)

Draußen ist es kalt, nass, trüb, oftmals windig und – am allerschlimmsten – fast den ganzen Tag dunkel. Am liebsten würde man es den Vögeln gleich tun und die Wintermonate in ansprechenderen Gefilden verbringen… oder wie manch anderes Tier: sich vollgefressen hinlegen, das ganze Elend einfach verschlafen und im Frühjahr rank und schlank wieder aufwachen. Wenn’s nicht ganz so tierisch daher gehen soll, ist der Gedanke ans kuschelige Bett oder ans prasselnde Kaminfeuer ähnlich erhellend. Was aber nicht so recht in die Winter-Agenda passt: laufen. Oder?

Man könnte zumindest den Eindruck haben, dass es so ist. In letzter Zeit wurde ich oft angesprochen: „Wie kannst du dich eigentlich bei dem Wetter zum Laufen motivieren?“ Diese oder vergleichbare Fragen wurden mir gestellt und so recht beantworten konnte ich sie nie, denn für mich stand gar nicht zur Debatte, das Training ausfallen zu lassen. Aber die Fragen haben mich zum Nachdenken angeregt und so horchte ich neulich mal in mich hinein, als ich gerade in mein Läufer-Outfit schlüpfte: „Jan? Hast du Bock?“

… ganz ehrlich: die Resonanz meiner inneren Stimmen war verheerend und einstimmig dagegen, das Haus noch einmal zu verlassen. Eine erschreckende Erkenntnis, die mich nur weiter bestärkte, der Tatsache auf den Grund zu gehen, warum ich dennoch fast täglich im Park meine Runden drehe. Was ist die Motivation, sich bei Temperaturen rund um den Gefrierpunkt, bei Dunkelheit oder in der Dämmerung, bei Regen, Schnee oder sonstigen Formen von Niederschlag raus zu wagen und etliche Kilometer zu laufen?

Zu Beginn meiner Suche nach Vorteilen des Winters kramte ich in meinen Lauf-Erinnerungen nach Ärgernissen der übrigen Jahreszeiten. Ich kenne mich doch: habe ich nichts zu mäkeln, bin ich nicht glücklich. Und tatsächlich gibt es den ein oder anderen Punkt, der nervt.

Was mich im Frühjahr stets begeistert, ist die Rückkehr des Lebens in eine in Kältestarre liegende Welt. Begleitet wird das Leben von den verschiedensten Gerüchen. Endlich duftet es wieder nach Blumen, nach Erde, nach frisch gemähtem Rasen… und es stinkt. Herrje, wie diese Welt stinken kann. Gülle-fahrende Bauern; ein vor sich hin vegetierender Hundehaufen in der prallen Sonne am Wegesrand; ein überfahrenes Kaninchen neben der Straße… und selbst Dinge, die eigentlich gut riechen, können beim Lauf zur Belastungsprobe werden. Die letzte Mahlzeit ist mindestens zwei Stunden her und die nächste kann erst nach dem Lauf – in zwei Stündchen – folgen. Trotzdem erdreistet sich irgendein unverschämter Mensch, in seinem Garten an der Laufstrecke zu grillen. Und dann riecht das auch noch so verlockend, dass man den Rest des Laufs mit Speichelflüssen und Bier-Fata-Morganen zu kämpfen hat.

Punkt Nummer zwei und Kerninhalt diverser Schimpftiraden des Sommers: Insekten. Kaum einen Lauf des Frühlings, Sommers oder Herbstes haben meine Augen ohne Kamikaze-Angriffe durch Flieger-Schwadronen unterschiedlich großen Ungeziefers überstanden. Aber die paddeligen Fliegen, die sich zur Aufgabe gemacht haben, erreichbare Körperöffnungen von Läufern zu verschließen, sind nicht die schlimmsten Vertreter der Insekten-Kategorie. Denn was Mücken für den Schlafsuchenden sind, sind Bremsen für den Läufer; die Pest. Viele Trainingsläufe im Sommer haben ein deutlich schnelleres Tempo abverlangt, als es der Plan vorgab. Was will man auch machen, wenn man von einer wütend-surrenden, schwarzen Bremsen-Wolke verfolgt wird? Klar, man läuft schneller und hofft, dass nur das schwächste Mitglied der Laufgruppe gefressen wird.

Spätestens jetzt denkt Ihr vermutlich: „Nun dreht er durch“, aber auch die grundsätzliche Beschaffenheit der Luft ist im Sommer nicht immer lauffreundlich. An richtig heißen, stickigen Tagen ist die Luft manchmal so schwer, dass man glauben könnte, sie sei nicht zum Atmen da. Selbst mich Morgenmuffel hat’s im Sommer schon am frühen Morgen raus getrieben, um noch die klare Morgenluft zum Laufen zu nutzen.

So rufe ich mir nun zur Einkehr des Winters und pünktlich zum ersten Schnee hier in Norddeutschland in Erinnerung, dass ich lästiges Insekten-Ungeziefer hasse, ich mich darüber in den nächsten Monaten aber nicht mehr ärgern brauche. Auch die meisten üblen Gerüche werden durch die kalte Luft unterdrückt – klar, das vorbeifahrende Moped stinkt noch immer zum Himmel… aber grundsätzlich wird man in den kommenden Monaten ganz prima durchatmen können. Außerdem werden die wenigsten Gartenbesitzer in der nächsten Zeit den Grill anschmeißen und kommt es doch einmal vor, ist der Gedanke an ein kaltes Bier nicht sonderlich schmerzhaft. Ein Glühwein ist im Winter deutlich verlockender, aber der hat sich noch nicht in meiner Gedankenwelt während des Laufens gezeigt.

Alle vorgenannten Punkte geben dem Winter sein Gesicht. Motivation ziehe ich persönlich aus dem, was vor mir liegt. In der kommenden Saison erwarten mich viele tolle Läufe, die ich mit meinem Bruder und meinem Vater bestreiten werde. Diese Läufe werden mir mehr abverlangen und mich auf ganz neue Art herausfordern, als es die bisherigen Läufe meines Lebens getan haben und darauf freue ich mich… darauf bereite ich mich vor. Dafür gehe ich laufen. Auch im Winter. Fast täglich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s