3. 6 h-Lauf in Harsefeld (Max Schlusnus)

 

Nach einem Jahr voller Wettkämpfe wollten wir (Jan, Papa und ich) noch einmal an einem 6 h-Lauf teilnehmen. Noch einmal ist gut, denn für Jan sollte es der erste Ultra überhaupt werden. Papa hat Anfang des Jahres schon voller Euphorie viele interessante Läufe in der Gegend, aber gefühlt auch in ganz Deutschland herausgesucht. Bei der Recherche stieß Papa auch auf den 6 h-Lauf in Harsefeld. Im Oktober entschieden wir uns schließlich, uns für den Lauf anzumelden. Dass Nachmeldungen nicht möglich waren, bestärkte unser Vorgehen zusätzlich.

Eine richtige Vorbereitung konnte keiner von uns absolvieren.

Jan wollte vor allem die Atmosphäre eines 6 h-Laufs aufsaugen und weniger eine Distanz als Ziel festlegen. Da er noch nie über 30 km am Stück gelaufen ist, wollte er die „gewohnte“ Distanz erst einmal laufen und immer wieder in sich hineinhorchen. Außerdem wollte er herausfinden, wie es ist, während eines Laufs zu essen, und wie der Körper das verarbeitet.

Jan kam am 19. November aus seinem Urlaub zurück. Er war eineinhalb Wochen mit seinem Arbeitskollegen und gutem Freund Jens auf einer Kreuzfahrt um die Kanarischen Inseln. Seine Laufschuhe hatte er kategorisch zu Hause gelassen. Er wollte die angebotenen Aktivitäten voll und ganz auskosten. Dazu gehörte zum Beispiel Rad fahren, Schnorcheln oder auch Wandern – wie jeder weiß, sind das sehr gute Alternativtrainingseinheiten. Kurzum: Jan ist nicht allzu viel in der Vorbereitung für diesen Lauf gelaufen.

Papa wollte seine Bestleistung über sechs Stunden verbessern. Diese lag bei 57,72 km und entstand beim 6 h-Lauf in Bünde. Ein absolutes Wunschziel gab es dann aber doch: die 60 km! Als zusätzliche Motivation schenkten wir (Johanna, Olli, Jan, Charlotte, Heike und ich) ihm zu seinem 60. Geburtstag seine ganz persönliche Läufertafel. Auf dieser Tafel kann er seine Bestzeiten zu den jeweiligen Läufen eintragen.

 

Was die langen Strecken angeht, ist Papa bestens gerüstet. Mit seinen 100 km beim Taubertal 100 und den dazu gehörigen Vorbereitungsläufen ist er langes Laufen gewöhnt.

Papa hatte jedoch in letzter Zeit vermehrt Rücken- und Hüftschmerzen, was ihm zusetzte und auch zweifeln ließ. Er betonte aber immer, dass ihm beim Laufen gar nichts weh tut, aber es ist ja nun mal schöner schmerzfrei zu sein. Aus diesem Grund fuhr Papa mit Vorfreude, aber auch mit gemischten Gefühlen zu dem Lauf.

Nun zu mir: Auch ich wollte meine persönliche Bestleistung von 57,575 km aus Sande überbieten. Genau wie Papa hatte ich die 60 km als absolutes Traumziel ausgegeben. Jedoch hatte ich beruflich sehr viel zu tun und schaffte es nicht, so viel zu laufen, wie ich es eigentlich wollte. Ich schaffte es unter der Woche höchstens zu 12 km pro Trainingseinheit, was auch mich zweifeln ließ. Über das Jahr gesehen habe ich mir, genau wie die anderen beiden auch, eine sehr gute Grundfitness zugelegt. Den Marathon in Bremen lief ich aus dieser Grundfitness hinaus, aber reicht es auch für den 6 h-Lauf? Diese und einige andere Fragen geisterten mir durch den Kopf.

Noch dazu bin ich bei einem meiner Läufe durch die Wälder und Berge um Kreischa (Kreischa ist eine Gemeinde im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, in der Nähe von Dresden. Dort finden fast alle meiner Lehrgänge statt.) mit meinem linken Fuß in eine Abwasserrinne geraten und umgeknickt. Mein erster Gedanke war: „Scheiße, das war‘s!“. Ich bin noch zurück zum Hotel gelaufen, aber nach dem Duschen konnte ich den Fuß kaum noch belasten. Das hat meine eh schon dürftige Trainingsplanung völlig umgeworfen. Ich musste ein paar Tage pausieren und den Fuß immer wieder mit Franzbrandwein und Traumaplant pflegen.

Naja, aber ähnlich wie bei Papa, ist der Schmerz beim Laufen verflogen. Ein komisches Unwohlsein kam aber immer wieder, auch am Tag des Wettkampfes.

Aber wie sagt man so schön: Wo Schmerzen sind, ist auch noch Leben!

 

Sonnabend, 25. November 2017

Der Tag des Wettkampfes ist gekommen. Ich wollte Papa und Jan um 8 Uhr abholen und dann gemeinsam mit ihnen nach Harsefeld fahren. Wie vor jedem Wettkampf bin ich früh aufgestanden und habe gefrühstückt und zwei Becher Kaffee getrunken – die Gewohnheit siegt! Nachdem ich dann noch meine Sporttasche kontrolliert habe, habe ich mich von Heike verabschiedet und bin durch die Tür hinaus. Im heftigen Nebel fuhr ich nach Stuckenborstel, um die beiden einzusammeln.

In Harsefeld angekommen, haben wir zu aller erst unsere Startunterlagen geholt. Wie vor jedem Ultra war die Stimmung äußerst entspannt, man kam schon mit dem einen oder anderen Läufer ins Gespräch. So, nun aber umziehen, Startnummer und Chip anbringen und ganz wichtig: schnell nochmal zum Pott, was sein muss, muss sein!

Auf geht’s zum Start-Ziel-Bereich. Zehn Minuten vor dem Start stehen wir nun mit all den anderen Läufern verstreut vor dem Verpflegungspunkt und besprechen einiges und fachsimpeln über dies und das. Auch die Verpflegung wird schon einmal in Augenschein genommen, es gibt alles was das Läuferherz begehrt. Von salzigem Gebäck über Weingummi bis zu Kuchen ist an alles gedacht. Auch an Getränken ist eine ziemliche Vielfalt vorhanden!

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Der Verpflegungsstand im Start-/Zielbereich

Kurz vor dem Startschuss stehen wir noch immer so vor dem Verpflegungspunkt und fragen uns so langsam, wann wir wohl zur Startlinie müssen. Dann plötzlich der Countdown: „Scheiße, wir stehen ganz vorne. Schnell etwas weiter zurück!“

PENG! Es geht los. Schön, wenn es so einfach geht.

Knapp 100 Läuferinnen und Läufer setzen sich in Bewegung. Wir wollten erst einmal die ersten Runden zusammen laufen, gucken, wie es sich anfühlt, und die Strecke kennen lernen.

Es ging direkt in den Klosterpark. Die 1,352 m lange Runde verläuft meist über befestigte Sandwege, ein kleines Stück an einer befahrenen Straße und über viele nasse Holzbrücken und Stege. Über die Holzbrücken haben wir uns schon vor dem Lauf leichte Sorgen gemacht, nasses Holz ist ja bekanntlich rutschig. Die Veranstalter haben hier jedoch tolle Vorarbeit geleistet und die Brücken mit Sand gestreut. In einer scharfen Kurve auf Kopfsteinpflaster ist es dann trotzdem passiert: ein Läufer vor uns stürzt. Wir sind also gewarnt. An dieser gefährlichen Stelle haben die Veranstalter dann aber nachgestreut. Nach den Brücken ging es dann wieder Richtung Kirche. Schnell bemerkten wir, dass es bergauf geht, und wie! Oh oh, das kann ja was geben.

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Seltsam, im Nebel zu laufen (frei nach Hermann Hesse)

Die ersten beiden Runden liefen wir etwas langsamer als 6:00 min/km, also etwas langsamer als die Wunschgeschwindigkeit. Wir fragten uns, wie es sich anfühlt, und waren uns schnell einig, dass alles prima ist und wir ruhig etwas beschleunigen können. Nachdem wir das Tempo leicht angezogen haben, lief uns Jan davon. Jan sagte schon vorher, dass er für sich ein entspanntes Tempo finden wollte, und das kann ja auch ruhig schneller sein. Papa und ich liefen also unser Tempo weiter und stellten nach der dritten Runde fest, dass es etwas zu schnell war. Gut, dann gehen wir wieder etwas vom „Gas“. Nach der vierten Runde war die erste Trinkpause angesetzt. Das haben wir so ausgemacht: alle vier Runden gibt es etwas zu trinken, alle acht Runden etwas zu essen. Wir liefen also immer weiter und stellten immer wieder fest, dass das Tempo zu hoch war. Das störte uns aber nicht weiter, es fühlte sich alles sehr rund, an und wir beschließen, das Tempo zu halten. Ein Puffer kann schließlich nicht schaden. So liefen wir die ersten vier Stunden sehr fokussiert unser Tempo weiter. Vor dem Wettkampf habe ich ausgerechnet, dass wir nach vier Stunden 30 Runden haben müssten, wenn wir unser Traumziel erreichen wollten. Es waren tatsächlich ganze 31 Runden, ein Puffer von einer Runde: Wow, wie cool ist das denn?!

Wir begegneten Jan immer wieder auf der Strecke. Er machte seine Erfahrungen mit der Verpflegung und den Pausen, aber auch mit kleineren Problemen wie scheuernden Socken. Trotzdem, er sah immer sehr gut aus und lief auch sehr rund.

Langsam wurde das „Berglaufen“ doch etwas schwieriger und man erwischte sich des Öfteren dabei, wie man den verdammten „Berg“ bei der Kirche still für sich verfluchte.

In Runde 38 war es dann soweit: Papa beschimpfte den Berg nicht mehr nur still, sondern lauthals und aufs Gröbste – und wurde plötzlich schneller. Er konnte sich ungemein motivieren durch seine Flüche. Das Tempo konnte ich nicht mitlaufen und fiel zurück. Ich konnte mein Tempo nur noch halten, während Papa jede Runde den Berg anschrie und daraus die Kraft schöpfte, ihn hochzudonnern.

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Sieht man ihm das laute Fluchen an?

Die letzte Stunde brach an: ich hatte bis zu meinem Traum noch sieben Runden zu laufen, das muss doch möglich sein. Also lief ich immer weiter, konnte aber die 6:00 min/km nicht mehr halten. Egal, dafür haben wir ja den Puffer aufgebaut. Papa war nur noch aus einiger Entfernung zu sehen. Bei ihm war ich mir sicher: er schafft die 60 km! Ich lief und lief, Runde 43 war absolviert. Noch 17 Minuten für zwei Runden. Das wird nochmal hart. Egal, Max, beißen! Ich lief die 44. Runde in acht Minuten, hatte also noch neun Minuten für die letzte Runde. Jetzt bloß nicht langsamer werden, einfach weiter laufen! Ich lief zum letzten Mal den bescheuerten Berg hinauf, oben angekommen warf ich einen kurzen Blick auf die Uhr, sauber noch zwei Minuten Zeit. Ich konnte noch einmal beschleunigen und absolvierte die 45. Runde nach 5:59:20 Stunden. Da es keine Restmetervermessung gab, war der Lauf vorbei. Geschafft! Jan und Papa warteten bereits im Ziel. Wir fielen uns in die Arme und waren erschöpft, aber auch sehr stolz, gefinisht zu haben.

Papa hat die 45. Runde nach 5:57:18 Stunden beendet und ist damit auf dem achten Platz in der Gesamtwertung und dem ersten Platz in der Altersklasse M60 gelandet. Eine wirklich sehr gute Leistung! Die 45 Runden bedeuten für uns beide, dass wir das ausgesprochene Wunschziel, die 60 km, überboten haben. Ganz genau steht nun unsere Bestleistung bei 60,84 km!

Jan hat uns aber noch mehr überrascht: er hat seinen Lauf nach 5:56:52 Stunden beendet. Er lief 39 Runden, was bedeutet, dass er 52,73 km lief! Damit ist er 24. in der Gesamtwertung und dritter in der Hauptklasse der Männer geworden. Was für ein super Ergebnis! Somit ist er weit über den eigenen Erwartungen gelandet. Ich für meinen Teil wurde 11. in der Gesamtwertung und tatsächlich erster in der Hauptklasse der Männer.

Jetzt erstmal die Tanks wieder auffüllen. Das haben sich wohl auch die anderen Läuferinnen und Läufer gedacht. Also tranken und aßen wir am Verpflegungspunkt und beglückwünschten uns, vor allem aber die Erstplatzierten für ihre tollen Leistungen.

So, Chip wieder aus den Schnürsenkeln wühlen und schnell in trockene warme Klamotten. Uns dreien wurde sehr schnell kalt, was auf die große Belastung zurück zu führen ist.

Nachdem wir uns umgezogen hatten, sind wir zur Sporthalle an der Schule gefahren, um noch bei der Siegerehrung dabei zu sein und noch ein schönes alkoholfreies Weizen zu trinken. Außerdem gab es für jeden noch eine schöne Urkunde.

Fazit:

Dieser 6 h-Lauf ist eine ganz tolle Laufveranstaltung mit einer wirklichen schönen Strecke. Man durchläuft den Klosterpark in Harsefeld über eine 1,352 km lange Runde mit einigen scharfen Kurven und nicht zu verachtenden Steigungen. Auch wenn die Runde anspruchsvoll ist, sie ist trotzdem schnell zu laufen.

Hut ab an die Veranstalter und Helfer. Meiner Meinung nach ist dieser Lauf toll organisiert und es ist an alles gedacht worden. Angefangen mit der Ausgabe der Startunterlagen, wo es z.B. Laufsocken gratis dazu gab, weiter über die reichhaltige Verpflegung beim Lauf. Nach dem Lauf in der Sporthalle gab es auch alles was das Herz begehrt: belegte Brötchen, Kuchen, alkoholfreies Bier usw., und zwar auf Spendenbasis.

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