Der erste Ultramarathon-Wettkampf: Die Harzquerung 2017

Donnerstag, 27. April 2017

Hundert Marathon- oder Ultramarathonläufe sollen es werden in den nächsten zehn Jahren: Nachdem Max und ich bereits im Februar dieses Jahres einen Lauf jenseits der 42,195 km absolviert haben (ein Bericht darüber steht noch aus), folgt am nächsten Wochenende der zweite, der zugleich der erste Ultra-Wettkampf ist: die Harzquerung von Wernigerode nach Nordhausen über 51 km und 1.360 Höhenmeter.

Nachdem wir im Herbst 2016 den Hannover-Marathon ins Auge gefasst hatten, kam ich auf die Harzquerung, weil eine Freundin davon berichtete, dass ihr Mann dort so ziemlich jedes Jahr mitläuft. Ich informierte mich und fand den Lauf – sehr herausfordernd. Höhenmeter sind ja etwas, was man, wenn man in Stuckenborstel lebt, allenfalls von Autobahn- oder Bahnbrücken kennt, und Niedersachsen, die etwas weiter südlich wohnen, schmunzeln schon, wenn wir von unserem „Autobahnberg“ sprechen. Aber: Herausforderungen sind dafür da, angenommen zu werden, und auch wenn ich uns eigentlich erst nach dem Marathon für die Harzquerung anmelden wollte, so gingen doch im Enthusiasmus der Anmeldung in Hannover die Pferde mit mir durch. Kurze Rückfrage bei Max – kurze Antwort: „Klar, machen wir!“

So, und nun ist es fast soweit. Die Hotelzimmer sind gebucht, und am Sonnabend, den 29. April 2017, werden wir morgens um 8.30 Uhr am Start in Wernigerode stehen und wahrscheinlich immer noch gar nicht so recht wissen, auf was wir uns da eingelassen haben. Wir laufen das irgendwie aus dem Marathon-Training heraus. Die einzige spezielle Vorbereitung war ein Lauf an einem Sonntag im März und im strömenden Regen über 27 km, bei dem wir 482 Höhenmeter machten: Siebenmal eine Runde um den Wilseder Berg, siebenmal hoch und siebenmal wieder runter. Das ging. Trotzdem steht eines mal fest: Vor dem Ding, das wir da vor der Brust haben, haben wir definitiv Respekt – besonders, wenn man so wie ich das blöde Gefühl hat, als seien die Beine immer noch schwer.

Tja, aber dagegen kann man ja was tun: Nach einem 25er mit Jan am letzten Wochenende , der die Beine noch mehr Richtung Erdmittelpunkt hin zog, zwei Ruhetage am Sonntag und Montag, einen ruhigen 12er am Dienstag, und danach noch einmal drei Ruhetage. Bange Frage: Reicht das? Unsichere Antwort: Muss!

Sonntag, 30.04.2017

Um es vorweg zu nehmen: Es hat gereicht. Der erste Ultramarathon-Wettkamp ist geschafft. Und nicht nur bloß einfach geschafft. Das klingt ja, als hätten wir uns gequält. Nein, im Gegenteil: Wir sind hervorragend durchgekommen und haben es genossen. Doch der Reihe nach:

Wir sind am Freitag mit dem Auto angereist. Wegen des Freitagsverkehrs auf der Autobahn waren wir erst kurz nach 19 Uhr in Wernigerode. Der erste Weg, noch vor dem Einchecken im Hotel, führt uns zum Organisationsbüro. Bei der Ausgabe der Startunterlagen geht es dann aber auch schon los mit den Besonderheiten dieses Laufs. Startunterlagen? Wenn man so als Marathoni jetzt an einen Beutel denkt voll mit Papieren und so, dann erlebt man hier schon die erste Überraschung: Man nennt seinen Namen und bekommt – die Startnummer. Und einen kleinen Papierschnipsel, auf den man seine Startnummer schreiben kann, um ein Gepäckstück am Start abzugeben, das dann zum Ziel gebracht wird. Dieser Schnipsel ist wetterfest. Dafür hat man alte Startnummern in Streifen geschnitten, und auf die unbedruckte Rückseite der Ex-Startnummer schreibe ich nun meine aktuelle – die 116. Klingt so ein bisschen nach Notuf, oder?

Gebucht hatte ich das HKK, ein 4 Sterne-Hotel direkt in der Innenstadt. Als ich im Januar mehr oder weniger arglos nach einer Unterkunft in Wernigerode suchte und die Pensionen abtelefonierte, da sah ich das milde Lächeln der Wirte quasi durchs Telefon. Aber na klar, am 29. April, da ist doch das Walpurgiswochenende. Denkt man ja nicht dran, dass da im ganzen Harz Ausnahmezustand herrscht. Jedenfalls war kein Zimmer zu bekommen. Bevor ich lange hin und her telefonierte, buchte ich online beim Harzer Kultur & Kongresshotel zwei Doppelzimmer: eines für Christiane und mich und eines für Max und Charlotte. Im HKK machten wir dann unsere vegetarische Nudelparty – allemal gepflegter als das Massenpampsessen bei den großen Stadtmarathons. In Wernigerode, glaub ich, gab es so etwas sowieso gar nicht im Rahmenprogramm. Wobei eigentlich schon das Wort „Rahmenprogramm“ fehl am Platze ist: Das Programm besteht aus den drei Läufen (neben dem 51er gibt es auch einen 25er von Wernigerode nach Benneckenstein und einen 28er von Benneckenstein nach Nordhausen) – fertig!

Frühstück gibt es im Hotel am Sonnabend ab 6.30 Uhr. Hätten wir einen Marathon vor der Brust, wäre das fast schon ein bisschen spät, wenn man bedenkt, dass der Start um 8.30 Uhr ist. Aber gut, zwei Brötchen, zwei Tassen Kaffee, Wasser, Saft und Obst – das wird schon gehen, wir wollen ja keine Bestzeit herunterkloppen (wozu auch?), sondern genießen. Wenn man sich mal so vergegenwärtigt, wieviele tolle Trails und Ultras es gibt, dann wäre man eigentlich behämmert, wenn man einen doppelt laufen wollte. Also wird man sich wahrscheinlich nicht irgendwann an der Zeit von 2017 messen wollen, und bestzeitenverdächtig ist so ein Trail über die Harzberge allemal nicht. Unsere Devise heute heißt also: Laufend genießen und durchkommen!

Ungefähr eine Stunde vor dem Start kommen wir im Startbereich an. Startbereich? Am Ende der Salzbergstraße befindet sich ein frischer Kreidestrich auf der Straße, darüber ein Banner mit der Aufschrift „Start“ – das isses denn auch schon. Wir stellen uns in die Sonne, die zu unserer Freude an diesem frühen Morgen scheint und uns wärmt. Langsam füllt sich der Startbereich. Auch der Starter (ich nehme an, das ist der legendäre Peter Unverzagt?) ist schon da, da fällt Max auf, dass wir immer noch nicht unseren Kleiderbeutel abgegeben haben. Ja, wie war das denn nun noch? Bei der Startkartenausgabe sagte man uns, dass die Beutel da einfach auf einen Haufen geworfen werden. „Bei uns“, sagt einer fast schon entschuldigend, „ist alles noch ein bisschen wie früher.“ Richtig, und genau das ist toll! Bloß nichts ändern, liebe Leute. Aber jetzt so einfach den Beutel auf den Haufen werfen? Ich arbeite ja nun im öffentlichen Dienst, und da weiß man aus leidvoller eigener Erfahrung, dass alles, , was schief gehen kann, tatsächlich auch schief geht. Also gehen wir doch lieber zu dem Lieferwagen, an dem man seine Beutel auch abgeben kann. Fragen kostet ja nix. Ja, sagt man auf meine Frage, der Wagen fährt nach Nordhausen. Hätte ja auch nach Benneckenstein gehen können – und dann?

Jetzt aber zurück zum Start! Wo stehen denn nun die Leute unserer Preisklasse? Ja, hier ist gut. Ach, komm, zwei, drei Reihen weiter vorne stehen auch noch welche, die nicht so sportlich aussehen wie wir. Also hin da. Aber dann geht es auch schon los! Fast 700 Läuferinnen und Läufer machen sich auf den Weg bzw. auf die Wege, das ist schon ganz imposant. Aber vielleicht doch ein bisschen viel. Auch wenn wir relativ schnell über die Startlinie kommen, nach ein paar hundert Metern, an der ersten Steigung, wo es in den Wald hineingeht, da staut es sich schon. Wir gehen – wegen der ersten Steigung und weil der Weg nach oben sich wie ein Flaschenhals verengt. Und irgendwie wird es immer noch ein wenig enger. Da steht man dann schon mal im Stau – wie auf der Autobahn. Nur schöner.

Wir haben Glück mit dem Wetter. Ein alter Harzquerungshase erzählt uns, dass ihm hier vor ein paar Jahren das Wasser von oben entgegen kam. In den letzten Tagen hat es zwar etwas geregnet, aber das merkt man nur gelegentlich, wenn man durch Matsch läuft. Und der gehört ja dazu. „Laufen ohne Matsch – ist Quatsch!“ Alte Läuferweisheit aus dem Sauerland. Außerdem haben wir unsere neuen Trailschuhe von Scott an. Was kann uns passieren?

Schon nach ein paar Kilometern der erste Unfall. Ein Kind sitzt weinend am Wegesrand, und der Papa ist zur Stelle und tröstet. Ein Kind? Quatsch! Eine junge Frau sitzt da eingehüllt in eine Rettungsdecke und ist untröstlich. Was können wir anderen 700 machen? Nichts! Der Partner ist ja da und kümmert sich. Wir können die Arme nur bedauern. So schnell kann ein Lauf zu Ende sein.

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Laufen ohne Matsch ist Quatsch!

Plötzlich ruft jemand von hinten meinen Namen. „Hallo, Jürgen!“ Hä? Das ist Martin, der Mann meiner Freundin Sigrid. Wir haben uns ewig nicht gesehen, aber wir schreiben uns seit ein paar Jahren auf WhatsApp. Erst gestern hat sie mir noch ein Foto von ihm geschickt, damit ich ihn erkenne. Nun hat er mich zuerst erkannt. Und zwar am T-Shirt. Ich trage nämlich das Shirt vom 23. Sottrumer Abendlauf am 12. Mai. Wir laufen ein paar Kilometer zusammen und quatschen. Martin läuft hier fast jedes Jahr mit. Zusammen kommen wir an die vielfotografierte Zillierbach-Talsperre (etwa bei km 6). Dann lässt er uns laufen. „Wir sehen uns.“ – „Ja, bis gleich!“

Doch bevor wir Martin im Ziel wiedersehen, zieht die junge Frau an uns vorbei, die eben noch untröstlich am Wegesrand saß. Hat sich wohl berappelt. Toll, wir freuen uns. So ein Unfall ist ja auch wirklich Mist. Braucht niemand, schon gar nicht bei einem solchen Landschaftslauf. Max und ich sind bester Dinge. Ich trage meinen neuen Laufcomputer M 400 von Polar, den ich auf der Marathonmesse in Hannover zum Schnäppchenpreis gekauft habe. Nicht schlecht, wenn man so mitten im Wald mal gucken kann, wieviel Kilometer man schon gelaufen ist. „Wieviel Kilometer sind wir denn schon gelaufen?“, fragt Max. Ich gucke auf die Uhr – und stürze. Einmal nicht auf den Weg geachtet und schon ist da eine Baumwurzel, die mich zu Fall bringt. Ich bremse mit der Lippe – es blutet. Blut gehört auch dazu – man sieht es auf dem Foto oben, wenn man genau hinguckt. Nicht weiter schlimm. Ich kann natürlich weiterlaufen. Hätte aber schlimmer ausgehen können: Ausgebrochene Zähne, Gehirnerschütterung, Armbruch. Glück gehabt! Wer’s genau wissen will: Es war bei km 15,1. Da bitte Vorsicht!

Dann treffen wir ein paar Läufer, die ein PUM-Shirt anhaben. PUM steht für Piesberg Ultra Marathon. Den haben wir auch noch auf der Liste. Wer es noch nicht kennt, sollte sich mal das Video von Frank Pachura auf Youtube angucken. Wir unterhalten uns mit den PUM-Läufern: Sie waren in diesem Jahr da. Cool! Beim Hannover-Marathon haben wir auch einen getroffen, der begeistert war. Und unsere Mitläufer schwärmen auch. Dabei sehen die gar nicht aus wie harte Ultraläufer. Naja, wir wahrscheinlich auch nicht. Eine Frau mit deutlich grauen Haaren gibt uns einen Kurzbericht vom Lauf – dann zieht sie weg. Das ist ohnehin ein Phänomen in der Ultralaufszene: Ältere Frauen sind schneller als wir! Nun ja, wir legen es ja nicht darauf an, sondern wollen die Landschaft genießen, aber, ganz ehrlich, die älteren Frauen mit den deutlich graueren Haaren sehen auch nicht aus, als ob sie leiden. Toll! Wie überhaupt die ganze Atmosphäre. Alle sind sehr unaufgeregt, alle reden, lachen und genießen den Harz und das Leben.

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Klasse sind auch die Harzer an den Verpflegungsständen. Wir halten bei jedem an und trinken etwas, nehmen uns ein Stück Banane, später vielleicht auch mal einen Leibniz-Butterkeks oder – wie Max – ein Nutella-Brot. Unschlagbar aber sind die Cola-Weingummis. Die helfen uns in den schwachen Momenten, wenn wir mal wieder einen Berg hinaufmarschieren müssen. Ansonsten gibt es an den Verpflegungsständen so ziemlich alles! Besonders interessant sind die mit Schmalz beschmierten Stullen, die aber für mich nicht in Frage kommen. Und das hat erst einmal nicht viel damit zu tun, dass ich überwiegend vegan esse. Ich würde auch kein Wein oder Bier beim Laufen trinken. Glaube ich. Höchstens mal ein Gläschen beim Ahrathon.

Ein Höhepunkt – durchaus im doppeldeutigen Wortsinn – ist der Poppenberg. Natürlich hatten wir uns vorher mit dem Streckenprofil beschäftigt. Wir wussten, dass es auf den 51 km einige Berge geben wird und dass der Poppenberg bei km 39 der höchste Punkt sein wird. Wir wussten das: theoretisch. Aber wenn man dann nach 33 km aus dem Wald kommt und zum Netzkater hinunterläuft und von da an erst leicht, dann zunehmend steiler wieder bergauf geht, dann kann das schon ein wenig auf die Stimmung drücken: „Was, wir sind jetzt erst bei Kilometer 35? Noch vier Kilometer Geklettere?“ An Laufen ist nicht mehr zu denken. Nur ein paar Unentwegte laufen gaaaanz langsam an uns vorbei. Und keuchen. Wir gehen zügig und haben das Gefühl, dass wir Kraft sparen, und so ganz viel langsamer als die Unentwegten sind wir auch nicht . Und doch macht sich irgendwann so etwas wie Verzweiflung breit. Wir gehen und gehen, und wenn das noch lange so weiter geht, dann ist nicht mehr daran zu denken, unter 6 Stunden zu bleiben – was wir uns ausgerechnet und vage vorgenommen hatten. Dann ein Hinweisschild: „Getr. 100 m“. Getreide? Quatsch, Getränke soll es heißen. 100 Meter? Komisch! Und dann geht es vom Weg ab und auf einen kurzen knackigen Trail auf den Poppenberg hinauf. Große Freude: Der ist nicht bei km 39, sondern bei km 37. Wunderbar! Oben trinken wir etwas. Und dann geht es bergab. Sobald man aus dem Wald heraus ist, kann man auf dem Schotterweg gut und zügig laufen. Das tut den geschundenen Muskeln jetzt gut.

Bloß: Der letzte Berg war das auch nicht. Gleich nach Neustadt geht es wieder bergauf. Okay, kein Vergleich mit dem Poppenberg. Aber es geht bergauf. An einem Verpflegungsstand vielleicht fünf Kilometer vor dem Zielort Nordhausen trinke ich einen Becher Cola zuviel. Es braucht ein bisschen, bis ich das verdaut habe. Es schüttelt im Magen hin und her. Doch dann sehen wir – nach dem letzten Berg – die Stadt Nordhausen im Tal vor uns liegen. Über einen Single-Trail laufen wir der Stadt und unserem Ziel entgegen. Ein Wanderer, neben dem wir beim letzten Anstieg, hergegangen sind, hat uns vor den Löchern im Weg gewarnt: Kaninchenbauten! Bloß nicht reintreten und umknicken!

Ich blicke auf meine Uhr. Die Strecke wird wohl noch ein wenig durch die Stadt führen. Wir geben jetzt Gas, zumal die Strecke jetzt flach ist. Dann kommt auf einmal der Sportplatz in Sichtweite, wir sehen Läufer dort einbiegen, das ist tatsächlich der Platz, auf dem das Ziel ist. Also noch einmal alles geben. Wir schaffen es unter 6 Stunden – aber nur, weil die Harzquerung nicht 51 km lang ist, sondern vielleicht 48 km! Egal! Wir sind durch. Der erste Ultra ist gefinisht!

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Zieleinlauf nach 51 km (?) in Nordhausen

Fazit: Eine geile Laufveranstaltung, etwas retro, aber das macht es liebenswert. Mit aller Gelassenheit und doch super organisiert. Die Verpflegung ist klasse, die Leute an den Ständen sind nett und hilfsbereit.

Kleines  Manko: Die Harzquerung ist mittlerweile so gut frequentiert, dass es gleich nach dem Start auf den ersten Kilometern zu Engpässen kommt. Aber auch diese Staus gehören irgendwie dazu – schließlich ist kaum jemand hier, um möglichst schnell mit dem Lauf fertig zu sein. Dazu ist er landschaftlich viel zu schön!

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