1. Marathon am 09.04.2017 in Hannover – Max und Jürgen

Entstanden ist die Idee, an einem Marathon teilzunehmen, ganz konkret beim Kaffeetrinken am Nachmittag des 02. Oktober 2016. Morgens sind Max und ich den Halbmarathon in Bremen gelaufen. Eine Woche zuvor haben wir bei einem plötzlichen Einbruch des Hochsommers den Halbmarathon in Zeven mit Müh und Not und dicht am Sonnenstich hinter uns gebracht. Die Hitze und die für norddeutsche Verhältnisse doch ganz schön profilierte Strecke hatten dafür gesorgt, dass wir unserem Start eine Woche später in Bremen mit einiger Sorge entgegen sahen. Bis zum Tag vor dem Rennen spürten wir die Anstrengung in den Knochen, aber am Sonntag, als wir mit den über 2.000 Starten vor dem Dom standen und auf den Startschuss warteten, war all das wie weggeblasen. Auch die Temperaturen waren wieder der Jahreszeit angemessen, und es wurde ein toller Lauf mit zwei emotionalen Höhepunkten: die Schlachte, wo die Menschenmassen wie bei der Tour de France ganz dicht an der Strecke standen und die Läufer vorwärtspeitschten (und wo Jan, der leider immer noch verletzt war und nicht mitlaufen konnte, Fotos von uns machte) zum einen, das Weserstadion, durch das die Strecke ein paar Kilometer später führte, zum anderen. Wir waren so euphorisiert, dass der Gedanke wohl schon am Nachmittag beim Kaffee geäußert wurde: „Und im nächsten Jahr laufen wir einen Marathon!“

Gesagt – aber noch lange nicht getan! Wir setzten uns den 31. Dezember als letzten Termin für eine endgültige Entscheidung. Und dann steigerten wir unsere langen Läufe von Woche zu Woche um 10 %, und im Dezember meldete ich uns in Hannover an. Den Trainingsplan lieferte uns Hubert Beck in seinem im Übrigen hervorragenden großen Buch vom Marathon und gleich auch eine Zielzeit mit: 3 Stunden 30 Minuten sollten es sein!

Wir (zu uns gesellte sich noch Fritz, unser Laufhund) steigerten unsere langen Läufe am Wochenende über den Winter bis zu einer 35 km-Runde, die wir erstmals am Tag vor Heiligabend in 4:05 Std. absolvierten. Alles spielte mit: Wir blieben verletzungsfrei und und kamen hochmotiviert aus dem Winter, und dann war es soweit:

Unser 1. Marathon am 09.04.2017 in Hannover

Als Unterkunft für das Wochenende hatte ich das City-Hotel in der Limburgstraße ausgewählt, das allein schon von seiner Lage optimal für Hannover-Starter ist: Zum Start am Neuen Rathaus geht man zu Fuß einen Kilometer, und zum Bahnhof sind es noch weniger. Wir entschieden uns aus verschiedenen Gründen für die Anreise per Bahn: Zum einen ist es ökologisch sinnvoller als mit dem Auto, außerdem liegt das Hotel direkt im Innenkreis der Rennstrecke und man kommt am Sonntag mit dem Auto eher schlecht weg. Die Bahn war eine Pleite (darauf komme ich noch), aber das Hotel sei allen, die einen Start beim HAJ-Hannover-Marathon anstreben, ans Herz gelegt: preiswert, sauber, ruhig und sehr freundliche Menschen!

Am Sonnabend besuchten wir (Christiane und Heike begleiteten uns) die Marathon-Messe.

 

IMG_20170408_1708502-1Am Tag davor: Siegesgewissheit vor dem Neuen Rathaus

Neben all dem mehr oder weniger sinnfreien Schnick-Schnack, den man da kaufen kann, informierte ich mich über Kompressionsstrümpfe (brauche ich die für die geplanten Ultras?) und Pulsmessgeräte. Dem Messeangebot von 120 € für den M 400 von Polar konnte ich nicht widerstehen. Natürlich hatte Max recht, als er anmerkte: „Vor ein paar Tagen waren wir noch der Meinung, dass man zum Laufen nur seine Füße, ein vernünftiges Paar Schuhe und seinen gesunden Menschenverstand inklusive Laufgefühl braucht und dass so ein Gerät Schnick-Schnack ist!“ Ja, klar, aber auch wenn man fast 60 ist, technische Spielereien begeistern Jungs doch eigentlich immer. Wie sagte mir das mal eine Verkäuferin im Supermarkt? „Jungs reifen, bis sie zur Schule kommen, danach wachsen sie nur noch!“ Irgendwie ist da was dran …

Läufer, kommst du zum Marathon nach Hannover, dann sieh zu, dass du vor 18 Uhr zu einem Italiener kommst! Danach könnte es außer bei der berüchtigten Pasta-Party überall zu voll sein. Wir ergatterten gegen halb sechs einen Tisch im Ristorante „Le Arcate“ in der Kramerstraße in der Nähe der Marktkirche und verfolgten hautnah mit, während wir auf das Essen warteten, wie immer mehr Läufer herein strömten. Woran man die erkennt? Nun, sie outen sich durch das Tragen von Trainingsanzügen oder anderem sportlichen Outfit oder doch zumindest durch das Tragen der Kleiderbeutel, die es mit den Startunterlagen gibt (unsere waren uns ins Hotel geliefert worden – auch ein feiner Service!).

Beim Essen gehen Max und ich unsere Ziele noch einmal durch. Vier Stück sind es:

  1. Durchkommen
  2. Unter vier Stunden
  3. So nah wie möglich an 3:30 Std.
  4. Unter 3:30 Std.

Früh sind wir zurück im Hotel, wo wir uns nach dem üblichen Hin und Her bald zur Ruhe begeben. Ach so, den Wecker noch stellen! Oh, das Handy hat kaum noch Saft. Ab damit an die Steckdose! Vorsichtshalber stelle ich auch noch die Alarmfunktion an meiner guten alten Stoppuhr auf 5 Uhr. Dann Augen zu, alles noch einmal visualisieren und irgenwann einschlafen. Um drei Uhr vor lauter Unruhe wach werden, pinkeln gehen, wieder hinlegen. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Ich liege wach. Denke ich zumindest. Aber als ich dann aus einem Traum hochschrecke, in dem mich mein Traumbewusstsein auf die Uhr blicken ließ und es schon 12 Uhr war – da ist es 5.40 Uhr. Das Handy hat nicht gepiept (das Ladekabel hatte seinen Geist aufgegeben!), die Stoppuhr wahrscheinlich auch nicht – gut, dass es das Unbewusste gibt!

Pünktlich um 6 Uhr sitzen Max und ich am Frühstückstisch, während die beiden Mädels noch wohlig träumen. Nur ein leichtes Frühstück: ein Brötchen, ein bisschen Obst, Wasser und zwei Tassen Kaffee.

Um 7 Uhr machen wir uns auf den Weg. Es ist bitter kalt, aber der Wetterbericht hat für heute schönes Wetter und Temperaturen bis 18 Grad angesagt. Typisch! Das hat mich in meinem zweiten Läuferleben schon an Frühlingsmarathons gestört: Du kommst aus dem Wintertraining, bist überhaupt nicht hitzeresistent, und dann kann dich der erste warme Tag des Jahres ganz schön aus dem Konzept bringen. Startest Du aber im Herbst einen Bestzeitversuch, dann hast Du im Sommer trainiert, und wenn Du Glück hast, erwischt Du den ersten richtig kühlen Tag des Herbstes und läufst wie ein junger Gott. Bis gestern war es recht kühl gewesen, und ab Montag sagt der Wetterbericht auch wieder kühle Temperaturen voraus, aber heute, am Tag unseres Marathons, da wird es natürlich warm. Prost Mahlzeit! Wenn die Fernsehkommentatoren von „optimalen Laufbedingungen“ faseln, dann ist es definitiv zu warm!

Im Startbereich eines City-Marathons kommt man aus dem Staunen nicht heraus, zumindest dann nicht, wenn man das ganze Drum und Dran nicht als selbstverständlich hinnimmt, sondern mit ein wenig organisatorischen Kenntnissen beschlagen ist. Was für ein Gewusel! Und jeder scheint zu wissen, was er zu tun hat. Hannover ist in allem vorbildlich, das muss man schon sagen. Dixis in ausreichender Zahl, keine Schlangen bei der Kleiderbeutelabgabe, alles läuft ausgesprochen professionell.

Wir reihen uns in den Startblock C ein. Bei der Anmeldung wurde ich nach der Marathon-Bestzeit gefragt. Verdenkt es mir einer, wenn ich dann auch meine Bestzeit (2:44:44 h aus dem Jahre 1995 in Frankfurt) hinschreibe? Da stand nichts von aktueller Bestzeit. Prompt wurde ich dem Startblock A mit den Schnellen zugeteilt. Max ohne Bestzeit kam nach D. Aber der Organisator hat ein cooles Team: Der per Mail geäußerten Bitte, uns beide doch bitte dem Startblock C zuzuweisen, weil wir vorhaben, 3:30 Std. zu laufen, wurde ohne Zicken nachgekommen. Dumm nur, dass jetzt im Starbereich der große gelbe Ballon der Zug- und Bremsläufer mit unserer Zielzeit so viel weiter vorne zu sehen ist. Ach was, wir stellen uns nach hinten und rollen das Feld dann schon noch auf.

Und dann: der Start! Endlich! Über drei Monate der Vorbereitung, der Entbehrung und der Anspannung sind nun vorbei, nun gilt’s, wir holen uns die Bestzeit! Unsere Marschroute ist einfach: Die ersten 15 km wollen wir in 5:01 min/km laufen, dann bis 25 in 4:54 min/km und danach den Fuß von der Bremse und so schnell wie’s geht. Der erste Kilometer im dichten Feld: 5:28 min. Naja, wir haben noch 41 km Zeit, die verlorenen 27 Sekunden reinzuholen. Keine Panik! Der zweite Kilometer in 4:53 min, vielleicht einen Ticken zu schnell, aber immer noch 21 Sekunden über der Marschroute. Die nächsten Kilometer laufen gleichmäßiger, und bei km 10 haben wir 50:05 min auf der Uhr. Bingo! Genau der geplante Schnitt! Das ist in der Hildesheimer Straße. Hier stehen jetzt vermehrt Zuschauer an der Strecke und feuern uns an, auch Christiane und Heike, die Fotos von uns machen. Jetzt läuft es völlig schwerefrei! Ich kriege das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht, und ich neige sonst eher nicht zu einem entspannten Äußeren, wenn ich laufe.

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Grinsende Schwerelosigkeit bei km 15

Kinder stehen am Rand und wollen Dich abklatschen. Na klar, das gibt Kraft. Ganz unmittelbar. Max muss mich bremsen, weil ich bei solchen Gelegenheiten oder wenn ich mal wieder eine ganze Gruppe zum Anfeuern anfeuere plötzlich gerne mal ein paar Schritte schneller werde.

1:39:29 Std. bei km 20. Super! Genauer kann man kaum laufen. Aber dann. Sind wir in dem Waldstück in der Eilenriede, wo keine Menschen standen, eingenickt? Halbmarathon statt in 1:44:59 Std. lt. Plan plötzlich mit 18 Sekunden Verspätung. Hä? Wie geht das denn? Okay, dann lass uns mal einen Ticken schneller werden!

Das funktioniert bis km 27 (2:14:35 Std.). Dann verschwindet zuerst das entspannte Grinsen aus dem Gesicht, dann wird auch noch die Luft ein bisschen knapper, und: Oh, ich muss ein bisschen das Tempo rausnehmen.In der Vahrenwalder Straße, so bei km 29, überholen wir Kevin Püschel, bekannt aus Funk und Fernsehen, eigentlich eher von youtube, mit seiner Videokamera. Wo ist Frank Pachura? Wollte der nicht auch hier starten?

Dann, ein paar Kilometer später: Max, lauf Du man das Tempo weiter! Keine Rücksicht auf Deinen alten Vater! Der nimmt an einem der ersten Verpflegungsstände, an dem es Cola gibt, einen ordentlichen Schluck, wozu man natürlich stehen bleiben muss. Der obligatorische Becher Wasser als Kühlung über den Kopp. Und weiter geht’s. Max ist anfangs noch von hinten zu sehen. Ich zähle die Läufer, die ich überhole. Ich komme bis 19, dann fangen die Beine langsam an, schwerer zu werden. Na und? Hat irgendjemand gesagt, Marathonlaufen ist ein Kinderspiel? Ab km 35 geht das Kämpfen los. Klar! Den anderen geht es auch so. Warum habe ich das Problem jetzt schon bei km 28?

Die folgenden Kilometer gehen für mich nicht mehr unter 5 min/km. Egal! Aber das Zählen der Überholten hat jetzt keinen Sinn mehr. Ab km 35 fällt der Kilometerschnitt unter 5:30 min/km. Aber es gibt ein probates Mittel dagegen: Finger weg von der Uhr! Nicht mehr hingucken! Einfach nicht mehr stoppen! Ich kann noch ein bisschen rechnen: Bei einem 6er-Schnitt kann ich immer noch unter 3:40 Std. bleiben. Aber auch das wird immer enger. Für die Strecke von km 36 bis ins Ziel brauche ich 38:05 min, und da ist der „Endspurt“ schon mit drin.

Das Publikum ist fantastisch. Die feuern dich an. Die rufen dir zu, was du selbst schon lange nicht mehr glaubst: „Jürgen, du siehst gut aus!“ Irgendwann stoßen die Halbmarathonis, die um die Deutsche Meisterschaft rennen, von links dazu. Jetzt wird es erst recht komisch. Ich habe Bedenken, dass der eine oder andere mich über den Haufen rennt. Ich überhole Marathonläufer, besonders die, die jetzt gehen, und ich werde überholt: von Frauen und von älteren Männern. Eines steht fest, das haben wir uns geschworen: Aufgegeben wird nicht! Immer weiter laufen, das kann ja nicht ewig so weiter gehen, irgendwann kommt das Ziel von alleine auf dich zu! Und den Verpflegungsstand bei km 40, den lässt du einfach aus. Im Ziel gibt es Getränke, bis dahin sind es nur noch ein bisschen mehr als zwei Kilometer. Die Realität ist, dass ich abbremse und richtig, richtig viel trinke: Wasser und Cola. Und Wasser übern Kopp! Und weiter.

In der Ferne die Kuppel des Neuen Rathauses. Wie lang ist noch mal so ein Marathon? Aber die Menschenmassen am Rand pushen. Du läufst und läufst. Du kannst sogar noch ein bisschen schneller werden im Angesicht des Zieles. Und dann bist du da! Es gibt Fotos von meinem Zieleinlauf, da habe ich wieder das Grinsen im Gesicht. Nicht mehr so breit wie auf den ersten 15 Kilometern, aber immerhin. Ich habe mir vorgenommen, jubelnd ins Ziel zu laufen. Und das werde ich auch tun. Ich balle die Faust: Ja, gleich ist es geschafft, alter Mann. Der erste Marathon nach 22 Jahren. Das dritte Läuferleben fängt an. Ich gehöre wieder dazu!

Im Ziel: nur nicht umfallen! Kurzer Check: Ich lebe, der Kreislauf ist in Ordnung, der Wechsel vom Laufen in den Gehmodus fällt leicht. Andere Läufer liegen völlig fertig am Rand. Ich gehe aufrecht und stolz wie Oskar in den exklusiven Zielbereich für die Marathonis. Da gibt es Getränke und Essen: Wasser, Isogetränke, Cola, Cola, eine Banane, ich glaube, sogar ein Stück Apfel, und dann das Erdinger Weißbier alkoholfrei. Und Max kommt um die Ecke, genauso stolz, vielleicht sogar noch ein wenig stolzer: Er hat seinen allerersten Marathon gefinisht. In 3:36:14 Std. Ich bin fünf Minuten langsamer: 3:41:25 Std.

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Die hart erarbeiteten Medaillen

Das Maximal-Ziel ist nicht erreicht. Aber das spielt jetzt keine Rolle. Schieben wir es mal auf die Wärme. Aber die anderen Ziele sind geknackt. Und vor allem: Ich habe die Quali für den Taubertal 100 im Sack!

Unglaublich in dem Gewusel im Zielbereich: Die Frauen finden uns. Wir geben die Zeitnahmechips ab, holen unsere Kleiderbeutel und ziehen uns um. Die Klamotten sind nass, vom Schweiß, besonders aber vom Kühlwasser. Jetzt bloß sich keinen Infekt einfangen! Ein alkoholfreies Weizen geht noch. Und übrigens: Christiane und ich sind seit heute 30 Jahre zusammen. Gewissermaßen auch ein Marathonlauf, aber überhaupt nicht anstrengend. Was für ein Glück ich habe!

Getragen von diesem doppelten Glücksgefühl trabe ich mit Max vom Neuen Rathaus zum Hotel. Obwohl: „Traben“ geht irgendwie auch anders. „Humpeln“ trifft als Beschreibung unserer Fortbewegung eher zu. Macht nix!

Im Hotel in aller Ruhe die heiße Dusche! Dann ein wenig in die Horizontale. Relaxen!

Beim Auschecken an der Rezeption die Information, dass die Bahn seit heute morgen damit beschäftigt ist, ein paar kaputte Oberleitungen zu flicken. Kriegen sie irgendwie nicht hin. Züge sind seit heute morgen ausgefallen, viele Läufer, so hört man, standen im austrainierten Zustand und mit Startkribbeln im Bauch auf den Bahnhöfen, wollten nach Hasnnover – und die Züge fuhren nicht (Wir machen den Weg frei. Ihre Bahn). Auch am Nachmittag fallen viele Züge aus – auch der von Hannover nach Bremen. Und nun? Was tun? Beherzt entscheide ich mich für einen Ersatzzug über Walsrode und Soltau nach Buchholz. Von dort können wir dann mit dem Metronom nach Sottrum oder Rotenburg fahren. Der Zug fährt heute auf Gleis 2. Als wir auf Gleis 2 stehen, die Nachricht: Nee, doch nicht: Heute Gleis 4. Wir nach Gleis 4. Achtung, Achtung, eine Lautsprecherdurchsage: Der Zug fährt heute von Gleis 7. Da kriegst Du das Kotzen! Also nach Gleis 7. Und da? Da steht ein sogenannter Heidesprinter, der aus zwei Wagen besteht. Alle, die diesen Zug nehmen wollen, tummeln sich am nächstgelegenen Einstieg. Wir Marathonläufer mit über 42 km in den Beinen wissen es besser: 20 Meter mehr und zum zweiten Wagen – und siehe da: Wir finden einen Sitzplatz. Es zahlt sich immer aus, wenn man nicht den einfachen Weg geht. Auf dem Bahnhof, aber auch im wirklichen Leben. Da sowieso.

Irgendwann fahren wir dann doch los. Wir rufen Jan an. Ob er uns wohl aus Walsrode abholen kann? Der Zug hält ja an jedem Haus auf der Strecke. Jan fährt los.

Einen Brüller gibt es noch: Unterwegs, ich glaube, in Schwarmstedt, steigt ein Mann mit seinem Fahrrad zu. Die Tür ist schon geschlossen, aber der Zugführer hat ein großes Herz und lässt den Biker rein. Was macht der? Also ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung, was den treibt, aber der stellt sein Fahrrad in den Wagen und geht wieder nach draußen. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, will er seine Frau, die wahrscheinlich gerade am Ortseingang ist, in den Zug lotsen. Aber auch Zugführer mit einem großen Herzen haben angesichts einer Verspätung von mehr als einer Stunde nur eine begrenzte Geduld. Die Tür geht zu, der Zug fährt los, mit dem Fahrrad, aber ohne seinen Besitzer. Das Gesicht des Mannes: unbeschreiblich, mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. Die Leute im Zug, die das mitkriegen, wiehern. Die arme Frau, denke ich. Was die sich jetzt wohl anhören muss?

Es finden sich ein paar Hilfsbereite, die sich um das Fahrrad kümmern. Im Rucksack: Geld, Schlüssel, Handy. An der nächsten Haltestelle nehmen die Hilfsbereiten Kontakt zum Zugpersonal auf. Sie kommen mit desillusioniertem Blick wieder. Nur ein paar Leute lachen immer noch: Wir. Aber mehr so in uns hinein. Irgendwie sind wir doch anders als der Rest. Wir stellen fest: Es gibt Dinge, die man nicht für Geld kaufen kann: Glück, Stolz, das gute Gefühl, ins Marathonziel gekommen zu sein. Und Schadenfreude.

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